Cape Canaveral - Eines der grossen Probleme der bemannten Raumfahrt ist die Versorgung mit Trinkwasser. Die Nasa testet nun auf der Internationalen Raumstation eine Wiederaufbereitungsanlage. Der Rohstoff: Der Urin der Astronauten. Die Ergebnisse können auch auf der Erde für die Lösung der wachsenden Wasserprobleme genutzt werden.
Ohne Probleme startete in der Nacht zum Samstag in Cape Canaveral die US-Weltraumfähre “Endeavour” mit sieben Astronauten an Bord vom Weltraumbahnhof. Eines der Ziele der 15-tägigen Mission ist der Ausbau der Internationalen Raumstation ISS, deren Langzeitbesatzung im Frühjahr 2009 von drei auf sechs Raumfahrern verdoppelt werden soll. Im Gepäck befinden sich deshalb nicht nur zwei Schlafkabinen und mehrere Fitnessgeräte, sondern auch der erste Weltraumkühlschrank sowie eine weitere Toilette. „Mit sechs Leuten braucht man dringend eine Station mit zwei Toiletten”, sagte Sandra H. Magnus, eine der sieben Astronauten an Bord der “Endeavour” in einem Interview. Offensichtlich möchte auch im Weltraum niemand beim Toilettengang anstehen müssen. Menschlicher Rohstoff für Trinkwasser Ebenfalls mit an Bord: Eine 250 Millionen Dollar teure Abwasser-Wiederaufbereitungsanlage, die den Urin der Astronauten in trinkbares Wasser umwandelt und in Zukunft die Versorgung mit dem wertvollen Nass von der Erde aus nahezu überflüssig machen soll. Die US-Weltraumbehörde NASA erhofft sich damit nicht weniger als die Beseitigung des Versorgungsproblems mit Trinkwasser in der bemannten Raumfahrt - allerdings muss die Technologie direkt vor Ort zum Einsatz kommen und noch unter Realbedingungen getestet werden. Erst wenn alles reibungslos funktioniert, werden drei weitere Astronauten nächstes Jahr in die Mannschaft aufgenommen. „Wir können nicht jedesmal Wasser für sechs Mannschaftsmitglieder mitnehmen”, sagt Ron Spencer, Flight Director der Raumstation - und ist überzeugt davon, dass die Wiederverwertung in diesem Zusammenhang “ein Muss” ist. Leichter Jodgeschmack Das Prinzip der Anlage ist schnell erklärt: Abwasser, das innerhalb eines Tages anfällt, wird von dem Gerät in weniger als 24 Stunden in trinkbares Wasser aufbereitet. So können ungefähr 23 Liter pro Tag mithilfe des Apparates hergestellt werden und führen letztlich, so die NASA, dazu, dass etwa 92 Prozent des zur Verfügung stehenden Wassers an Bord der ISS aus dem Urin der Mannschaft und der Luftfeuchtigkeit produziert werden können. Die Umsetzung allerdings erfordert ausgeklügelte Klärungstechnologien und Destillationsverfahren, um am Ende genießbares Wasser in der Hand halten zu können. Und noch eine weitere Frage drängt sich auf: Kann man die Ekelgrenze überwinden und das Wasser bedenkenlos trinken? Auch hier haben die Beteiligten bereits gute Erfahrungen gemacht. “Wir haben das Wasser probiert”, berichtet der leitende NASA-Ingenieur für dieses Verfahren, Bob Bagdigian. “Niemand hatte etwas Gravierendes einzuwenden. Einige konnten einen leichten Jodgeschmack erkennen”, fügt er hinzu, “aber es ist genauso erfrischend wie jedes andere Wasser.” Und tatsächlich wird dem guten Tropfen kleine Mengen Jod beigemengt, um das mikrobielle Wachstum zu kontrollieren. Um seine Aussage noch zu bekräftigen, erzählt Bagdigian, dass er das Wasser sogar in seinem eigenen Kühlschrank zu stehen hat. “Es schmeckt mir gut!” Lösung für irdische Probleme? Klar ist, dass die Bewertung des Geschmacks in diesem Projekt zweitrangig ist. Vielmehr zeigen die Wiederverwertung des Abwassers und die Umwandlung in Trinkwasser den enormen Fortschritt der heutigen Technologie. Allerdings wirft es auch wieder die Frage auf, wie wir in Zukunft auf der Erde mit diesem Element haushalten wollen, denn auch hier werden die Ressourcen für Trinkwasser knapper. Die Aussage von Bagdigian, “Trinkwasser von heute ist das Abwasser von gestern”, gewinnt in diesem Kontext eine fast futuristische Bedeutung. Das Geschäft mit der Wasseraufbereitung Die Versorgung grosser Teile der Weltbevölkerung mit sauberem Trinkwasser stellt ein immer grösser werdendes Problem dar. Schätzungen sprechen von rund 1,3 Milliarden Menschen, denen der Zugang zu sauberem Trinkwasser fehlt. 6000 Personen sterben täglich an Krankheiten, die durch verunreinigtes Wasser verursacht werden. Dabei gibt es Wasseraufbereitungstechnologien, die Abhilfe schaffen könnten – allerdings werden diese Investitionen oft nur dort getätigt, wo auch genügend finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, um die beispielsweise bis zu mehrere hundert Millionen Euro teuren Meerwasserentsalzungsanlagen zu bauen. Das lukrative Geschäft mit der Wasseraufbereitung erzielt weltweit Milliardenumsätze. Über genügend Kapital verfügen Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi Arabien, deren Wasserversorgung mittlerweile fast vollständig durch Entsalzungsanlagen gedeckt wird. Und auch die hohen Betriebskosten, die sich etwa auf 50 Cent pro Kubikmeter gereinigtem Wasser belaufen, fallen hier nicht weiter ins Gewicht. Für den globalen Einsatz allerdings, so Kritiker, sind diese Anlagen nicht geeignet, denn der Ausbau von Entsalzungsanlagen werde durch den Soleeintrag in das Meer tier- und pflanzenreiche Küstenregionen zerstören und durch den enormen Energieaufwand letztlich auch zu einer Zunahme der Treibhausgase führen. So muss weiterhin nach neuen Lösungswegen für den Umgang mit bestehenden Wasserressourcen und die Möglichkeit der Wiederaufbereitung von Abwasser gesucht werden. Die innovative Aufbereitungstechnik, wie sie derzeit von der NASA auf der ISS getestet wird, kann hier – konsequent weiterentwickelt – einen interessanten Beitrag zur Verbesserung der globalen Trinkwasserversorgung leisten. |
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