Ermatingen - Green-Cross-Präsident Michail Gorbatschow zu plädiert dafür, die drängenden ökologischen Fragen anzupacken. Die Finanzkrise dürfe hierfür kein Hemmschuh sein. Die Politiker hätten in Sachen Nachhaltigkeit bisher zu wenig getan.Gorbatschow sprüht vor Energie. „Gott hat uns den Intellekt gegeben, Gott kann uns nicht die Verantwortung über unser Tun abnehmen.“ Der ehemalige Präsident der Sowjetunion hat im Kampf für eine nachhaltige Welt das Thema seines Lebens gefunden und bringt dies als Vorsitzender der von ihm gegründeten Organisation Green Cross auf der ganzen Welt zum Ausdruck. An diesem Wochenende tagte dessen Verwaltungsrat in Ermatingen am Bodensee. Sein Weggefährte, der Ex-Nationalrat und Green Cross-Kassier Ernst Mühlemann, moderierte.
Politik hat in ökologischen Fragen versagt Der 78jährige Vollblutpolitiker spricht, als strebe er ein zweites Mal die Auszeichnung mit Friedensnobelpreises an – diesmal als Lobbyist für den Frieden mit der Natur: „Unser Ökosystem ist zu 60 Prozent schwer beschädigt, diese Aufgabe müssen wir gemeinsam angehen. Die Politik hat in diesen Fragen versäumt zu handeln.“ Das war 1992 seine Motivation, die Organisation für Frieden und Umweltschutz Green Cross zu gründen – das ist auch heute der Motor für sein rastloses Engagement. Das Treffen in Ermatingen, im Unternehmerforum Lilienberg schliesst sich für Gorbatschow an eine Reise durch verschiedene europäische Staaten an. Er mischt sich ein, setzt Akzente und vermittelt. „Ich habe gespürt, dass die Stimmung im Zuge der Finanzkrise eine gereizte ist. Europa wacht langsam auf, während es sich in den vergangenen zehn Jahren enorm zurückgehalten hat.“ Obama: Perestroika für die USA? Aufbruch in der Krise erhofft er sich gerade in Verbindung mit dem neuen amerikanischen Präsidenten Barack Obama. Gorbatschow: „Vor drei Jahren habe ich den Satz geprägt, die USA hätten ihre Perestroika noch nicht durchlebt. Obama hat meinen Gedanken aufgegriffen. Die Menschen haben die Schnauze voll. Die Zeit für eine US-Perestroika ist gekommen.“ Obama sei ein Mann, der sich durch vorsichtige Politik den heutigen Risiken stellen könne, statt sie zu schüren. Gemeinsam mit einem wiedererwachten Europa sowie Staaten wie Brasilien und China könne er Eckpfeiler eines neuen Miteinanders im Sinne von „Kooperation statt Konfrontation“ schaffen. Gorbatschow stellt sich wider ein neues Wettrüsten. Er sehe angesichts der gegenwärtigen Militarisierung globalen Ausmasses einen neuen Kalten Krieg aufziehen. Er wertet es als ein positives Signal, dass der gegenwärtige Kremlherr Dimitri Medwedew an diesem Wochenende erklärt hat, von Russland werde keine Eskalation ausgehen. Der Mann, der einst die nukleare Abrüstung der Supermächte eingeleitet hatte, ist noch immer ein Gegner von Atomwaffen. Die Katastrophe von Tschernobyl, die in seine Amtszeit fiel, hat sein Weltbild verändert: „Ich unterteile mein Leben in eine Zeit vor und nach Tschernobyl.“ Dennoch ist er kein dogmatischer Widersacher der Atomenergie. Die Obergrenze der natürlichen Energieressourcen sei erreicht, jetzt stelle die Atomenergie eine der beständigsten Energiequellen dar – natürlich nur unter der Bedingung optimaler Sicherheit. Aber dies stünde in Ergänzung zu alternativen Energiequellen. Kaum Fortschritt in der Nachhaltigkeit Wer von Gorbatschow fundamental-kritische Anmerkungen zur aktuellen Politik in Russland erwartet, irrt sich. Als Sonderbotschafter seiner Heimat erteilt er der anwesenden Presse auf die Frage nach der Redefreiheit in Russland nur allzu gern eine Lehre. „Ihr schlagt uns, ohne den Kontext zu betrachten“, sagt er aufgebracht. Es herrsche eine nie dagewesene Redefreiheit. Der Transformationsprozess dieses gewaltigen Staates stelle einen der komplexesten der Welt dar. Gorbatschow sieht für sich die Zeit für den Ruhestand noch nicht gekommen. Die von Green Cross und der Uno gemeinsam formulierte Erd-Charta sollte in den 90er Jahren einen Grundstein für neues nachhaltiges Denken darstellen. Doch seither habe es wenig Fortschritt gegeben. „Wir sind noch dort, wo wir unseren Weg begonnen haben. Und gerade jetzt wird es schwieriger, Sponsoren zu finden. Doch wir werden Wege finden müssen, sonst ist Leben auf diesem Planeten nicht möglich.“
Green Cross Green Cross („Das Rote Kreuz der Umwelt“) wurde 1992 von Michail Gorbatschow anlässlich der UNO-Konferenz von Rio gegründet. Angestrebt wurde eine weltweite und umgehende Hilfe bei Umweltkatastrophen. Gleichzeitig gründete in der Schweiz der damalige Nationalrat Roland Wiederkehr ein World Green Cross mit dem gleichen Ziel. Die beiden Organisationen fusionierten 1993 zum Green Cross International. Hauptfokus sind heute Probleme der Nachhaltigkeit und des Friedens, die in verschiedenen Programmen bekämpft werden. Eine Zusammenarbeit mit internationalen Institutionen ist Basis für das weltweite Renommee. |
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