Amerika entdeckt die Sonne

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Geschrieben von: John Dyer, Boston 15.11.08
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Boston - Nicht erst der neu gewählte Präsident Obama hat die Solarenergie und andere ökologische Technologien für Amerika entdeckt. Seit geraumer Zeit fördern die Bundesstaaten Mittelständler, die sich in erneuerbaren Energien spezialisiert haben.

Amerikas ökologisches Bewusstsein ist älter als das Wahlprogramm von Barack Obama, in dem „grüne Technologien” ins Zentrum der energiepolitischen Zukunft gerückt werden. Die Nutzung erneuerbarer Energien, vor allem der Sonnenenergie, wird beispielsweise in Michigan seit einigen Jahren so entschieden vorangetrieben, dass dies zum Modell für die gesamten USA werden könnte. Immerhin hat der gewählte Präsident Obama schon ein Programm von 150 Milliarden Dollar (178 Milliarden Franken) für diesen Bereich angekündigt, um die Abhängigkeit von Energieimporten wie Öl oder Erdgas zu vermindern.

Staat lenkt in Michigan

Michigan mag die höchste Arbeitslosenrate unter allen Bundesstaaten der USA haben, rund neun Prozent. Aber Michigan hat auch Ned Staebler. Absolvent von Harvard und London School of Economics und ehemaliger Londoner Makler bei Bear Sterns, soll der Sohn einer früheren demokratischen Abgeordneten heute Geld aus Sonnenstrahlen machen. Staebler leitet den 21st Century Investment Fund, der im Auftrag des Bundesstaats mittleren Unternehmen in Michigan mit Millionen Dollar versorgt, um mit neuen Technologien Ersatz für die in Automobilindustrie verloren gehende Arbeitsplätze zu schaffen. Der Bundesstaat Michigan hat erst kürzlich Ardesta Ventures I etwa 7,5 Millionen Dollar gegeben, ein Wagniskapitalfonds, der im mittleren Westen der USA gezielt in Solarenergie investiert. Zusammen mit seinen Partnern hat Ardesta seit 1997 insgesamt 180 Millionen Dollar in Solartechnik und andere ökologische Technologien investiert.
Für manche Amerikaner ist Staeblers direkte Einflussnahme auf private Unternehmen gleichbedeutend mit Sozialismus. Für ihn ist es ein sanfter Anstoß, den der Staat Michigan gibt, um den richtigen Weg in der Energiepolitik einzuschlagen. „Die Regierung bestimmt nicht Gewinner und Verlierer, sie leitet nur das Geld in die Hand von Experten, in verschiedensten Bereichen, nicht nur von Wissenschaftlern sondern auch von Investment-Fachleuten”, erläutert er. „Wir wollen private Investitionen nicht verdrängen. Wir wollen unsere Interessen mit denen privater Investoren zusammenbringen und diese ermuntern.”

Obama stellt 150 Milliarden bereit

Einen solchen Schub wünscht der gewählte Präsident Obama für das ganze Land. Obama setzt auf „grüne Technologien” und erneuerbare Energien, dabei vor allem die Solarenergie, um auf lange Sicht das Erdöl zu ersetzen. Ein Ausgabenprogramm nach dem Michigan-Modell steht auf seiner Agenda für die gesamten USA. In zehn Jahren sollen mit den erwähnten 150 Millionen Dollar ökologisch verträgliche Technologien finanziert werden, um neben anderem Obamas Ziel zu erreichen, ab 2025 ein Viertel des amerikanischen Stromverbrauchs aus erneuerbaren Energien zu decken. Der künftige Präsident setzt sich auch dafür ein, der Autoindustrie des Landes zwischen 25 und 50 Milliarden Dollar zu geben, um neue Werkzeugmaschinen anzuschaffen und dann mit Solarenergie betriebene Autos zu bauen. Kurzfristig würde das die Autoindustrie retten, langfristig aber der Solarindustrie zu einem Boom verhelfen. Das notwendige Geld könnte aus dem vom Kongress vor kurzem verabschiedeten Stabilitätspaket von 700 Milliarden Dollar kommen.
Evergreen Solar, Hersteller von Solarmodulen und Sonnenkollektoren, könnte zum Musterfall der neuen amerikanischen Solarindustrie werden. Das 1994 in Massachusetts mit staatlicher Starthilfe gegründete Unternehmen baut derzeit eine neue Fabrik nahe Boston, die in wenigen Jahren Module mit einer Gesamtleistung von 160 Megawatt produzieren soll, wie Geschäftsführer Michael El-Hillow erklärt. Im Sommer hat Evergreen Solar einen Liefervertrag im Wert von 1,2 Milliarden Dollar mit der deutschen IBC Solar AG geschlossen. Bisher wurde nur in den USA produziert. „Unsere nächste Expansion wird außerhalb der USA stattfinden”, sagt El-Hillow. „Wir brauchen Werke dicht bei den Kunden, denn der Transport von Solarmodulen ist teuer.” Auch Evergreen Solar ist von der Finanzkrise nicht unberührt geblieben, weil es einen beträchtlichen Aktienanteil zur Kreditabsicherung an die zusammengebrochene Investmentbank Lehman Brothers verpfändet hatte.

Umdenken im Kleinen

Während Wall Street weiter mit seiner Krise kämpft, scheint beim kleinen Mann und im Mittelstand in Sachen Energie ein Verständniswandel einzusetzen. Solarenergie wird in Bundesstaaten und Gemeinden immer populärer. Die Massachusetts Technology Collaborative, eine subventionierte Industriegruppe, hat kleine, aber leistungsfähige Solaranlagen an Städte und Gemeinden geliefert, mit denen die Außenbeleuchtung öffentlicher Gebäude betrieben wird. Der Hintergedanke ist, die Bevölkerung für den Gebrauch von Solarenergie zu erwärmen. Während des Immobilienbooms der vergangenen Jahre ist Solar-Beleuchtung von Vorgärten und Zufahrten zu einem Kennzeichen der Vororte mit gehobenem Wohnwert geworden.
Tom Green, Chef und Besitzer von Green’s Hardware im Bostoner Vorort Wellesley hatte Solarleuchten auf einer Ausstellung gesehen und einige bestellt. Jetzt boomt das Geschäft. Green: „ Die Kunden sagen, sie wollten die Solarenergie jetzt ausprobieren, schließlich höre man neuerdings so viel über Umweltfragen.”

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