Zürich - Klimaschutz ist auch im Supermarkt möglich. Das Zürcher Projekt Climatop kennzeichnet Produkte mit Etiketten zum Ausstoss von Kohlendioxid. Doch das CO2-Siegel ist umstritten. Denn Umweltschutz ist mehr, als nur den Ausstoss von Treibhausgasen zu begrenzen.
Welche Mengen Fett, Kalorien und andere Inhaltsstoffen ein Lebensmittel hat, steht schon lange auf der Verpackung. Neu ist, dass der Konsument nun bei dem einen oder anderen Produkt die Umweltbilanz mitgeliefert bekommt. Diese Revolution im Supermarktregal ist nun von Grossbritannien in die Schweiz übergeschwappt. In der Pilotphase Während die britischen Konsumenten schon seit längerem Lebensmittel kaufen können, die mit einem CO2-Etikett gekennzeichnet sind, ist dies in der Schweiz seit Frühjahr möglich. Das Logo informiert den Käufer genau über die ausgestossene Menge an Kohlendioxid: vom Anbau, der Verarbeitung, bis hin zum Transport des Produktes ins Supermarktregal – die Entsorgung des Abfalls ist auch eingerechnet. «Auch wir schauen uns bei der CO2-Bilanzierung das Produkt von der Wiege bis zum Grab an», sagt Heinz Schmid, Geschäftsführer von Climatop in Zürich. Climatop ist ein gemeinsames Projekt der Stiftung myclimate und dem Ökozentrum Langenbruck. Noch befindet es sich erst in der Pilotphase. Ziel ist es, das Klimasiegel in alle Läden der Schweiz zu bringen. Der erste grosse Partner von Climatop ist die Migros. Klassenbeste werden ausgezeichnet Dabei wird im Unterschied zu Grossbritannien nicht der Ausstoss von Kohlendioxid in Gramm angegeben. Vielmehr werden die klimapositiven Produkte nur als «Champion», also als Besten in seiner Klasse auszeichnet. «Es nützt dem Konsumenten wenig, wenn beispielsweise auf einer Tüte Kartoffelchip 90 Gramm Kohlendioxid steht», sagt Schmid. Denn wenn der Kunde die Chips mit der besten CO2-Bilanzierung kaufen möchte, müsse er anfangen, die einzelnen Tüten untereinander zu vergleichen. «Und das überfordert den eiligen Kunden», sagt Schmid. Deswegen sei es wichtig, dass das beste Produkt in seiner Klasse im Sortiment auf Anhieb erkennbar ist. Wer also auch beim Einkaufen im Supermarkt sich fürs Klimaschutz engagieren möchte, kann beispielsweise bei der Migros immer mehr Produkte mit dem grünen CO2-Etikett kaufen. Denn Migros lässt laufend Produkte-Gruppen von Climatop auf die Klimafreundlichkeit hin überprüfen. So hat erst kürzlich der Bio-Rohrzucker von Max Havelaar aus Paraguay das grüne Logo erhalten. Von sechs bilanzierten Zuckerprodukten, darunter auch aus der Schweiz, belastete dieses Produkt das Klima am wenigsten – trotz des langen Transportweges. Umweltschutz ist mehr als Klimaschutz Denn es stimmt nicht immer, dass langer Transport einen hohen Ausstoss von Kohlendioxid bedeutet. Noch weniger stimmt die Gleichung langer Transport gleich höhere Umweltbelastung insgesamt. «Bei Agrarprodukten ist der Anbau häufig diejenige Phase im Lebensweg eines Produktes mit den grössten Auswirkungen auf die Umwelt», sagt Anna Wälty, Chefin der Sektion Konsumgüter und Ökobilanzen des Bundesamtes für Umwelt. Es gehe da neben neben Ausstoss des Treibhausgases Kohlendioxid auch um Belastungen von Boden und Luft zum Beispiel durch Dünger. Dann könnte es auch passieren, dass der Zucker aus Paraguay besser abschneidet als der heimische Zucker. Nur können sich die Hersteller nicht allzu lange auf den Lorbeeren ausruhen. Denn die Zertifizierung durch Climatop gilt nur zwei Jahre. Danach muss eine erneute Beurteilung erfolgen, damit das CO2-Siegel weiter benutzt werden kann. Allerdings hat die Bewertung ihre Grenzen: «Im Grunde ist es besser, wenn alle wichtigen Umweltbelastungen mit in die Bewertung genommen werden, nicht nur Treibhausgase wie CO2», sagt Wälty. Vielfalt nicht verwirrend Auch Coop informiert seine Kunde über Produkte, die einen etwas schweren ökologischen Rucksack haben. «Alle Produkte, die wir einfliegen, erhalten ein Siegel «By Air», sagt Nicolas Schmid, Coop-Pressesprecher. Diese Kennzeichnung beziehe sich aber nur auf den Transport des Produktes. Ein CO2-Siegel habe Coop noch nicht eingeführt, weil eine Fixierung nur auf CO2 nicht hilfreich sei. Dieser Meinung ist auch Christoph Meier, Projektleiter der Informationsstelle für Umwelt- und Soziallabels www.labelinfo.ch, auf der Interessierte sich über Zertifizierungen und Siegel informieren können «Problematisch ist, dass bei der CO2-Bilanzierung nur die Klimaverschmutzung durch den Ausstoss von Kohlendioxid bewertet wird», sagt Meier. Neben CO2 belasteten aber auch Schadstoffe das Klima. Das berücksichtige man bei der Bewertung jedoch nicht. Ausserdem würde ein CO2-Siegel weder etwas über die Verschmutzung des Wassers noch des Bodens aussagen. «Und das kann dazu führen, dass die Hersteller zwar bei der Produktion den CO2-Ausstoss reduzieren, dafür aber in einem anderen Bereich die Umwelt stärker belasten», sagt Meier. Nicht desto trotz seien diese Zertifizierungen richtig und würden den Zeitgeist treffen. «Denn jeder Kunde will woanders abgeholt werden. Für die einen ist fairer Handel wichtig und für die anderen halt ein niedriger CO2-Auststoss», sagt Meier. Er glaube auch nicht, dass eine weitere Kennzeichnung bei den Kunden für Verwirrung sorge. «Die Vielfalt bei Markenartikeln wird vom Kunden als positiv empfunden, warum soll das bei Umwelt- und Soziallabels anders sein», sagt Meier. Der WWF Schweiz jedenfalls verteidigt das Kohlendioxidsiegel. Damit würde der Klimaschutz für den Kunden zum Kaufkriterium. Unternehmen würden so motiviert, klimaschonende Produkte herzustellen.
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