London/Abu Dhabi - Grossbritannien war beim Kampf gegen den Klimawandel bisher ein Nachzügler. Unter anderm dank der Ökostadt Masdar soll sich das ändern. Premier Brown will sein Land auf die Überholspur setzen. Noch vor kaum zehn Jahren zählte das Wiederverwerten von Altpapier oder Flaschen in Grossbritannien zur Seltenheit. Wer es allerdings heute versäumt, seine grüne Recycling-Kiste vor die Haustür zu stellen, kann mit einer Mahnung rechnen. Umweltschutz ist in Grossbritannien ein grosses Thema. Und neuerdings ein grosses Geschäft.
Ölscheichs unterstützen grüne Technologien Der britische Premierminister Gordon Brown und sein Klimawandelminister Ed Miliband erklärten vor wenigen Tagen, sie wollten mit den Emiraten Abu Dhabi und Katar zusammenarbeiten, um die Versorgung mit erneuerbarer Energie zu sichern. Bei einem Besuch am Golf wurde eine Absichtserklärung zwischen Grossbritannien und der Abu Dhabi Future Energy Company unterzeichnet. Diese ist für den Bau der Ökostadt Masdar bei Abu Dhabi verantwortlich. Das Abkommen sieht eine Zusammenarbeit bei der Entwicklung erneuerbarer Energien und Technologien zur Verringerung und Vermeidung des Ausstosses von Kohlendioxid vor. Wind- und Solarkraft sowie die Kohlendioxidspeicherung und -abscheidung sollen ebenfalls Teil des Entwicklungsprogramms sein. Darüber hinaus bildet Grossbritannien mit Katar einen Investmentfonds für saubere Technologien, der mit 250 Millionen Pfund (309 Millionen Euro/463 Millionen Franken) ausgestattet wird. Dieser soll in britische Unternehmen investieren, die saubere Energien produzieren. Katar steuert 150 Millionen Pfund bei. Weitere private Investoren werden noch gesucht. Briten überholen europäische Nachbarn Anlässlich der Unterzeichnung in Abu Dhabi sagte Klimawandelminister Ed Miliband, „Während sich alle Länder der doppelten Herausforderung von Energiesicherheit und Klimawandel stellen, müssen sowohl ölproduzierende als auch ölverbrauchende Nationen ihre Energiewirtschaft diversifizieren.“ Dabei betonte Miliband auch die wirtschaftliche Komponente: „Energieressourcen mit niedrigem Kohlendioxidaufkommen, darunter Wind-, Solar- und Gezeitenkraft sowie Kohlendioxidspeicherung können der globalen Wirtschaft neuen Antrieb geben.“ Dabei denkt der Minister vor allem an die heimischen Interessen. Während manche Umweltexperten fürchten, die globale Wirtschaftskrise könne vor allem teure Investitionen in erneuerbare Energien treffen, zeigt sich die britische Regierung unbeirrt. Sie sieht jetzt ihre grosse Chance, einen neuen Wirtschaftszweig zu beleben. Durch die Zusammenarbeit mit reichen arabischen Investoren erhofft sich die britische Regierung, andere Länder wie Deutschland oder die Schweiz zu überholen, die sich bereits seit den 90er Jahren erfolgreich für erneuerbare Energie einsetzen. Auch die Gründung eines Klimawandelministeriums vor wenigen Wochen unterstreicht, dass die Briten es ernst meinen. Die Regierung setzt sich für eine Verschärfung der Richtlinien zur Emission von Kohlendioxid ein und könnte statt bisher 60 Prozent eine Reduzierung um 80 Prozent bis zum Jahr 2050 gesetzlich festlegen. Tom Delay ist der Vorsitzende des Carbon Trust, einer unabhängigen Umweltorganisation, die den neu geschaffenen Investmentfond überwachen soll. Auch er begrüsst die neuen Perspektiven für die britische Wirtschaft: „Dieser neue Fonds für grüne Technologien wird Grossbritannien zum Vorreiter der Kohlendioxidreduzierung machen.“ Masdar investiert in der Nordsee Dabei schöpfen die Briten nicht zum ersten Mal Gelder aus dem Topf ölreicher Länder. Bereits im Oktober teilte Masdar mit, dass es sich am Array-Windpark vor der Küste Englands beteiligen werde. Das Grossprojekt im Mündungsgebiet der Themse östlich von London soll das grösste Windfarmprojekt der Welt werden. Damit liesse sich die Stromversorgung von 750.000 Haushalten sichern. Bis zum Jahr 2012 sollen 175 und schliesslich bis zu 271 Windturbinen errichtet werden. Ursprünglich galt der deutsche Energieversorger Eon als einer der Hauptinvestoren. Doch nachdem Masdar 40 Prozent der Eon-Anteile übernahm, sind die arabischen Investoren mit 20 Prozent an dem britischen Windfarm-Projekt beteiligt. Der Vorstoss in den britischen Markt für erneuerbare Energien hat für die Golfländer grosse Bedeutung. Dabei ist der Bau der Ökostadt Masdar in der Nähe von Abu Dhabi mehr als nur ein grünes Aushängeschild für die Araber. Sie bereiten sich auf eine Zukunft vor, die ihnen neben Öl eine weitere lukrative Einkommensquelle sichert. Für Dezember lädt Ed Miliband Vertreter ölproduzierender und ölverbrauchender Länder zu einem Gipfel in London ein. Dabei dürften ihm Gordon Browns jüngste Auftritte anlässlich der globalen Finanzkrise noch im Ohr sein. Schliesslich konnte sich der Premierminister mit seinen radikalen Lösungsvorschlägen auf dem internationalen Parkett als Retter in der Not präsentieren. Mehr Informationen: Strategie der britischen Regierung zu erneuerbaren Energien (engl.)
|