Schatten des Rohstoffhungers

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Geschrieben von: Marc Engelhardt, Nairobi 05.11.08
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In vielen afrikanischen Ländern wächst dank des anhaltenden weltweiten Bedarfs an Rohstoffen die Wirtschaft. Den meisten Menschen geht es aber nicht besser: Das grosse Geld führt zu Kriegen und Korruption.

Neue Turnschuhe, das Handy oder die letzte Ferienreise: Die Industrie des Wohlstandes verschlingt Unmengen an Rohstoffen. Zum wachsenden Bedarf der Industrienationen kommt seit einigen Jahren der Rohstoffhunger der aufstrebenden Volkswirtschaften Chinas und Indiens. Ob Kupfer für Stromleitungen, Aluminium für Autos, Uran oder Erdöl - gebraucht wird alles. Daran ändert auch die derzeitige Abschwächung der Wirtschaft im Westen wenig. In Afrika lässt der Rohstoffboom die Menschen hoffen, der Armut endlich zu entkommen. Die meisten hoffen vergebens.

Waffen statt Armutsbekämpfung

Im Tschad, wo seit fünf Jahren Öl gefördert wird, kommen die Menschen nicht zur Ruhe. Im Februar hatten Rebellen fast die ganze Hauptstadt N’Djamena eingenommen, bevor sie von Regierungstruppen zurückgedrängt wurden. Seither stieg auch die staatliche Repression. Auf Rebellen wurde ein hohes Kopfgeld ausgesetzt, auf Kritiker der Regierung gibt es Hetzjagden. Schwerverletzte finden derweil in Krankenhäusern kaum Platz, weil das Geld im Gesundheitswesen fehlt. Lydie Beassemda arbeitet für das Schweizer Hilfswerk Swissaid im Tschad und kennt den Alltag dort: „In N’Djamena gibt es eine einzige Intensivstation für zehn Leute”, erzählt sie.
Der Rohstoffboom ist im Tschad Öl in das Feuer des Konflikts. „Die Einnahmen aus dem Ölgeschäft verschaffen der Regierung die Mittel, um den Krieg zu führen und mit dem Krieg sichert sie sich die vollständige Kontrolle über die Ressourcen”, sagt Beassemda. Eine Vereinbarung mit der Weltbank, die die Infrastrukturen zur Ölförderung mitfinanziert hatte, verlangte gerechte Verteilung der Einnahmen aus dem Ölgeschäft. Ein Grossteil sollte zur Armutsbekämpfung eingesetzt werden. 2006 hat die Regierung diese Vereinbarung gebrochen, viel von diesem Geld wird nun für Waffenkäufe eingesetzt. Die Weltbank hat die Zusammenarbeit mit dem Tschad in diesem Projekt beendet. Lydie Beassemda sagt desillusioniert: „Wenn sich der Staat nicht um die Sorgen der Leute kümmert, können sich die Lebensbedingungen nicht verbessern, auch nicht mit dem Geld, das die Ölförderung bringt.”

China - Hoffnung oder Heuschrecke?

In einer ähnlichen Situation befindet sich das Nachbarland Niger. Es ist eines der ärmsten Länder, 90 Prozent der Bevölkerung leben von der Landwirtschaft. Bis jetzt wurde im Niger vor allem Uran abgebaut und nach Frankreich exportiert. Anfang 2007 kam es auch hier zu Kämpfen zwischen Rebellen und der Armee. Im Sommer hat die staatliche Chinesische Ölgesellschaft nun mitgeteilt, dass sie im Niger Öl fördern will. Ein Vertrag sichert ihnen den Zugang zu einem nicht erschlossenen Ölfeld. Fünf Milliarden Dollar sollen investiert werden - für viele Nigrer ein Lichtblick. Man hofft auf die Chinesen, die in der Hauptstadt Niamey bereits eine zweite Brücke über den Fluss Niger bauen.
Almoustapha Moumouni ist Koordinator der Schweizer Hilfsorganisation Swissaid im Land. „Die alte Brücke wurde 1970 gebaut, die Franzosen haben im Niger lange Jahre Uran abgebaut und es nie geschafft, so etwas für uns zu tun”, sagt er. Trotzdem freut er sich nicht über den Öl-Vertrag: „Die Chinesen sind fast wie die Heuschrecken, sie kommen in Scharen und fressen alles kahl.” Chinesische Unternehmer hätten die Textilindustrie aufgekauft und sich in der Telekommunikation ausgebreitet. In ihren Betrieben werden vor allem Chinesen eingestellt. Die Nigrer gehen oft leer aus. Nicht nur Arbeitskräfte werden importiert: „Sogar den Sand bringen sie aus China mit, wenn sie etwas bauen”, empört sich Moumouni. Er ist skeptisch, denn zwischen dem Vertrag für den Bau der Brücke und der Unterzeichnung der Ölförderrechte vergingen keine sechs Monate. „Die Chinesen bauen diese Brücke, damit die Leute sie als Ausbeuter akzeptieren.”

Flügellahme Verwaltungen

Es gibt viele Gründe, weshalb vom grossen Geld des Rohstoffbooms kaum etwas bis zur armen Landbevölkerung gelangt. Konflikte wie im Tschad sind ein Grund, handlungsunfähige Verwaltungen ein anderer. Die Situation im Niger ist ein gutes Beispiel: Zwar wurde die Verwaltung im Land dezentralisiert, nicht aber das Geld dazu verteilt. Das nationale Parlament krankt an fehlender Bildung: Zwei Drittel der Abgeordneten sind Analphabeten. Damit sind ihre Chancen begrenzt, sich gegen die Interessen grosser Investoren zu wehren.
Trotz allem glaubt Moumouni an die Möglichkeit der Besserung. „Nichts kann dem sozialen Druck standhalten, wir werden die Leute informieren und bilden, damit sie sehen, worum es bei den grossen Geschäften geht.” Vom Wohlstand ist dabei für die ganz grosse Mehrheit in diesen Ländern noch lange nicht die Rede. Eine gute Regierung und zukunftsgerichtete Nutzung der Bodenschätze sind das Ziel, das er vor Augen hat.

 

Bild: Schwer bewachte Basis von ExxonMobil in Komé, Tschad (Fotograf: Lorenz Kummer)

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