Feda - Zwischen Norwegen und den Niederlanden ist vor kurzem das mit 580 Kilometern längste Unterwasser-Starkstromkabel in Betrieb gegangen. Das NordNed, verlegt vom schwedisch-Schweizer Anlagenbauer ABB, beflügelt Visionen von neuen Stromautobahnen für Solarkraft aus der Wüste und Windkraft aus dem Meer.Grob behauenes Tunnelgestein, kiesiger Boden: Im Fels, 4000 Meter von der Stromstation in Feda an der südnorwegischen Küste trifft das Seekabel auf das Landkabel. Die Kabel sind so dünn, dass sie sich mit zwei Händen umfassen lassen. Fast verloren wirken sie in der riesigen, unterirdischen Halle. Der Tunnel musste wegen der Baumaschinen so ausladend gebaut werden. Die Größe des Tunnels entspricht Norwegens Plänen im europäischen Energiemarkt.
Fernverbindungen mit Gleichstrom Norwegen ist das Land der Wasserenergie. Seinen Strom gewinnt es zu fast 99 Prozent aus Wasserkraft. Das Land kann es sich leisten, mit Strom zu heizen und hat dennoch genügend Kapazitäten zum Export. Die neue Stromautobahn zwischen dem norwegischen Feda und dem niederländischen Eemshaven macht diesen Energieexport lukrativ. Im Kabel unter Wasser fliessen mit einer Spannung von 450 Kilovolt bis zu 700 Megawatt. Für die kurze Zeit von 15 Minuten hält das Kabel auch eine Spitzenbelastung von 1000 Megawatt aus. Die Kapazität reiche aus, um Städte wie Oslo oder Amsterdam ein halbes Jahr mit Strom zu versorgen, hiess es während der Feier zur Inbetriebnahme Mitte September. Der Energieverlust auf der 580 Kilometer langen Strecke betrage gerade 3,7 Prozent. Denn hier spielt eine alte Technik neue Stärken aus. Die schon seit 1882 verwendete und inzwischen weiterentwickelte Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ). Bei ihr verpufft deutlich weniger Energie durch Wärme als bei der ansonsten üblichen Wechselstromübertragung. Ideal für lange Strecken Gleichstrom hat auch Nachteile. Um HGÜ einzusetzen, müssen teure Umrichterstationen gebaut werden. Sie verwandeln den Gleichstrom in den im Haushalt und der Industrie benötigten Wechselstrom und umgekehrt. In der HGÜ sind deshalb nur Fern-Verbindungen von Vorteil. Für die Feinverteilung ist nach wie vor das Wechselstrom-Netz notwendig. Bei weiten Transporten soll sich die HGÜ allerdings lohnen, bei Erd- und Seekabeln schon ab Strecken von 50 Kilometern, bei Freileitungen ab 600 Kilometern. Bei der Gleichstromübertragung mit 800 Kilovolt über 2000 Kilometer belaufe sich der Energieverlust auf fünf Prozent, mit Wechselstrom wäre er doppelt so hoch, rechnen Fachleute von ABB vor. Der Konzern für Elektro- und Energietechnik mit Hauptsitz in der Schweiz hat das NordNed im Auftrag der Stromnetzbetreiber Stattnet (Norwegen) und TenneT (Niederlande) gebaut. Sie halten die Unterseeverbindung für lukrativ - trotz der Investitionen von 600 Millionen Euro (950 Millionen Franken). Sauberer Strom für Europa Sten Jakobsson, Präsident von ABB in Nordeuropa, prophezeit der Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung eine „brillante Zukunft”. Das bisherige Netz gerate an seine Kapazitätsgrenzen. Überlastungszeichen haben sich durch grosse Stromausfälle in den USA und Europa gezeigt. Jakobsson sieht in der HGÜ-Technik den Schlüssel zu einer sichereren Versorgung Europas mit Strom. Die Gleichstrom-Übertragung könnte Windparks zu Lande und im Meer verknüpfen, oder auch schwankend verfügbare Windkraft mit der in Stauseen ständig abrufbaren Wasserkraft verbinden. Dabei kann die Schweiz mit ihren Wasserkraftanlagen eine gewichtige Rolle spielen. Die HGÜ-Technik nährt auch die Hoffnung, dass Solarstrom aus der Wüste über Unterseekabel nach Europa geführt wird. In der Sahara wäre eine Fläche von 18.000 Quadratkilometern ausreichend, um den Strombedarf von ganz Europa zu decken, rechnet Jakobsson vor. Herkömmliche Übertragungstechniken weisen dagegen über solche weiten Strecken Verluste von der Hälfte oder mehr des Stroms auf. Damit würde sich die Stromproduktion so weit von den Zentren des Verbrauchs in Europa nicht rechtfertigen. Mit Sonnenkraft aus dem Süden und Windkraft aus dem Norden könnte Europa bei der Stromproduktion unabhängig werden von fossilen Energiequellen. Die neue Stromautobahn zwischen dem wasserreichen Norwegen und den dicht besiedelten Niederlanden wäre damit nur ein Anfang.
HGÜ: Die Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) ist schon seit 1882 bekannt, spielte aber im alten, auf regionale Versorgung ausgelegten Stromnetz eine untergeordnete Rolle. Um die schnelle Übertragung des Stroms vom Kraftwerk zum Verbraucher zu gewährleisten, waren Wechselstromnetze geeigneter. Doch jetzt entdeckt die Welt den Wert erneuerbarer Energien, etwa aus Wasser, Sonne und Wind. Sie sind im Überfluss vorhanden, aber nicht immer dort, wo der Mensch sich aufhält. Mit der HGÜ scheint das Problem lösbar, weil mit deutlich weniger Verlusten als bei herkömmlicher Technik, grosse Energiemengen transportiert werden.
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