Machbarkeitswahn lebt weiter

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Geschrieben von: Christian Weisflog, Moskau 01.11.08
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Moskau - Juri Luschkow, mächtiger Bürgermeister der russischen Hauptstadt, ist berüchtigt für seine originellen Ideen und beweist dabei Hartnäckigkeit: Seit längerem möchte er Stalins Traum verwirklichen und die Fliessrichtung der sibirischen Ströme um 180 Grad nach Süden drehen. Jetzt hat er dazu gar ein Buch mit dem Titel „Wasser und Frieden” geschrieben.

Bald werde Wasser teurer als Erdöl sein, meint Juri Luschkow und steht damit nicht alleine da. Auch die UNO warnt angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung vor zunehmender Wasserknappheit und verheerenden Kriegen um die lebensnotwenige Ressource. Der verschmitzte Moskauer Bürgermeister zieht daraus jedoch seine ganz eigenen Schlüsse: Russland muss nicht nur Erdölpipelines, sondern vor allem Wasserkanäle bauen.

Auch Chruschtschow wollte umleiten

„Ich beschäftige mich seit langem mit diesem Thema”, sagte Luschkow bei der Präsentation seines Buches „Wasser und Frieden”. Darin skizziert der „Herrscher über Moskau” sein Jahrhundertprojekt: den Bau eines 2500 Kilometer langen, 200 Meter breiten und 16 Meter tiefen Bewässerungskanals vom nordsibirischen Chanty-Mansijsk bis nach Usbekistan und später vielleicht noch weiter nach Turkmenistan.
Dabei soll der große sibirische Fluss Ob angezapft werden. Nur fünf bis sieben Prozent seiner Wassermengen genügten, um Südrussland und die Steppen Zentralasiens in blühende Landschaften zu verwandeln, ist Luschkow überzeugt, der mit seiner Schiebermütze und seinem runden Pausbackengesicht an den früheren sowjetischen Generalsekretär Nikita Chruschtschow erinnert.
Die beiden Politiker sind ein Stück weit auch Gesinnungsgenossen: Chruschtschow hatte die Umkehr der sibirischen Flüsse zu Beginn der 60er Jahre ebenfalls ernsthaft in Betracht gezogen. Seither arbeiteten rund 120 wissenschaftliche Institute an entsprechenden Plänen. Endgültig begraben wurde das Projekt erst 1986. Unter dem sowjetischen Generalsekretär Chruschtschow wurde in den 50er Jahren auch die Neulandgewinnung in Kasachstan vorangetrieben, die bekanntlich die Austrocknung des Aralsees und damit die „Verwüstung” einer ganzen Region zur Folge hatte.
Der eigentliche Vordenker von Luschkows Idee ist aber nicht Chruschtschow, sondern Stalin. Bereits 1948 gab es konkrete Pläne für eine Flussumkehr: Die Wasser des großen Jenissejs sollten in einem riesigen Stausee gesammelt und von da in ein noch größeres Becken am Unterlauf des Ob weitergeleitet werden. 27 Millionen Hektar Land - davon zehn Millionen Hektar Landwirtschaftsboden - sowie 3100 Dörfer und Städte wären in Sibirien dadurch überflutet worden.

Luschkow liebt utopische Ideen

Für Umweltschützer ist die „Umkehridee” glatter Unsinn: Ihrer Ansicht nach würde die Hälfte der Wassermassen verdunsten, bis sie am Ziel ankommen würden. Unabsehbar wären auch die Folgen für die arktischen Ozeane, die weniger Zufluss erhalten würden. Luschkow zeigt sich davon jedoch unbeeindruckt. Das gigantische Bewässerungsprojekt hat es dem passionierten Bienenzüchter einfach angetan: „Wäre das Vorhaben heute bereits verwirklicht, würde es riesigen Profit abwerfen”, ist der Bürgermeister überzeugt.
Das Projekt sei in den 80er Jahren bloß an einer „ungesunden Politisierung” und am Widerstand von „Pseudo-Ökologen” gescheitert, meint Luschkow. Als Mitstreiter führt er dabei auch Stalin in den Kampf, dessen Person sich in Russland zunehmender Beliebtheit erfreut. Ein Abbild des sowjetischen „Führers aller Völker” ziert den Umschlag von Luschkows neuestem Werk, begleitet von einem seiner unzähligen Zitate: „Auch die Dürre werden wir besiegen.”
Es ist nicht das erste Mal, dass Moskaus findiger Bürgermeister eine originelle Lösung für eine große Knacknuss vorschlägt. Um etwa das notorische Stauproblem in Russlands Hauptstadt zu lindern, hatte er bereits die Einführung von Helikopter-Taxis oder die Verlegung der Strassen auf die Häuserdächer in Erwägung gezogen. Bislang sind die Ideen in der Realität jedoch ebenso wenig gediehen wie die sowjetischen Bewässerungsprojekte für Zentralasien. Sie zeigen aber, dass der Geist der Allmacht des Menschen und des technikverliebten Machbarkeitswahns noch nicht verflogen ist.

 

Mehr Informationen zu Luschkow:

Internetseite der Stadt Moskau (englisch)

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