Schweiz in Masdar willkommen

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Geschrieben von: Steffen Klatt, St. Gallen 30.10.08
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Bei Abu Dhabi entsteht die Ökostadt Masdar. Sie soll autofrei sein, ihren Energieverbrauch selber decken, ihren Ausstoss von Kohlendioxid voll kompensieren und keinen Abfall produzieren. Das Emirat sucht Partner dafür. Auch die Schweiz wäre willkommen, sagt Sheika Lubna Al Qassimi, Handelsministerin der Vereinigten Arabischen Emirate.
Steffen Klatt: Abu Dhabi hat genug Öl und Gas für Jahrzehnte. Warum engagiert sich das Emirat in den erneuerbaren Energien?

Sheika Lubna Al Qassimi: Die Vereinigten Arabischen Emirate waren immer ein verantwortungsvoller Produzent von Öl und Gas. Bereits Scheich Zayed, der Gründer der Vereinigten Arabischen Emirate, verbot, Gas abzufackeln. Dieses Abfackeln ist nichts weiter, als Kohlendioxid in die Luft auszustossen. Jetzt haben wir die Initiative ergriffen, erneuerbare Energien zu fördern, in Masdar und darüber hinaus. Wir wollen eine weltweite Zusammenarbeit ermöglichen.

Steffen Klatt: Soll Masdar eine Art Hauptstadt der erneuerbaren Energien werden?

Sheika Lubna Al Qassimi: Masdar soll eine Blaupause werden. Hier sollen Unternehmen zusammenkommen, die sich besonders stark in Forschung und Entwicklung engagieren und welche die neuesten Ideen hervorbringen. Masdar ist der Ort, an dem sie diese Ideen ausprobieren und in Produkte umsetzen können. Umgekehrt können andere Länder, die an solchen Ideen und Produkten interessiert sind, in Masdar sehen, wie es funktioniert.

Steffen Klatt: Kann ein so kleiner Ort wie Masdar zum Experimentierfeld einer globalen Branche werden?

Sheika Lubna Al Qassimi: Es ist ein guter Anfang. Wäre der Ort zu gross, würde ein Teil des Engagements verpuffen. Es ist gut, kompakt zu beginnen. Die Idee Masdars oder einzelne Elemente können anderswo kopiert werden.

Steffen Klatt: Technologisch wird Masdar an der Spitze stehen, wenn die Stadt eröffnet wird. Wird sie sich auch danach weiterentwickeln?

Sheika Lubna Al Qassimi:
Masdar wird in mehreren Stufen eröffnet werden. Bereits während diesen Phasen entwickelt sich das Konzept weiter. Die Innovation wird auch danach weiter gehen. Ob in Silicon Valley oder anderen Zentren der Innovation, es gibt immer ähnliche Elemente, die es für die Innovation braucht: eine Jugend, die etwas lernen will; eine Gesetzgebung, die das geistige Eigentum schützt; Denkfabriken, Universitäten. So lange die richtigen Elemente vorhanden sind, kommt die weitere Entwicklung, also die Innovation, fast auf natürliche Weise zustande. Und was in Masdar entwickelt werden wird, kann auch anderswo angewandt werden.

Steffen Klatt: Wie holen Sie die richtigen Unternehmen und die richtigen Leute nach Abu Dhabi?

Sheika Lubna Al Qassimi: Einige Länder sind bereits interessiert, nach Masdar zu kommen und womöglich ihre Botschaft einzurichten. Ausserdem stellen wir Masdar an vielen Orten in der Welt vor. Pro Woche kommen im Schnitt fünf Delegationen zu uns und schauen sich das Projekt an. Ich selber habe in Bern mit den Bundesräten Doris Leuthard und Moritz Leuenberger gesprochen. Beide kannten Masdar bereits durch die Schweizer Medien.

Steffen Klatt: Welche Rolle soll die Schweiz in Masdar spielen?

Sheika Lubna Al Qassimi: Die Schweiz ist ein langjähriger Freund der Vereinigten Arabischen Emirate. Es gibt eine gewisse gegenseitige Zuneigung. Viele Schweizer Schweizer investieren bei uns. Derzeit sind es bei uns 180 Schweizer Unternehmen tätig, rund 600 Schweizer Unternehmen sind in irgendeiner Form bei uns vertreten. Die Schweiz ist ein wohlhabendes und hoch entwickeltes Land. Die wirtschaftliche Freiheit und die Wettbewerbsfähigkeit sind in der Schweiz so gross wie nur in wenigen andern Ländern. Die Schweiz gehört in Sachen Qualität, Innovation und industrieller Produktion zur Spitze. Davon wollen wir lernen. Wir haben auch viel Respekt für das Gleichgewicht zwischen Innovation, Forschung und Entwicklung auf der einen Seite und dem ökologischen Aspekt auf der andern Seite, wie es in der Schweiz zu sehen ist.

Steffen Klatt: Hält Abu Dhabi trotz der Finanzkrise weiter an Masdar fest?

Sheika Lubna Al Qassimi: Absolut. Niemand in der Welt ist völlig immun gegen die Folgen der Finanzkrise. Sie wird einen Einfluss haben. Aber die Golfregion und ihre internen Investitionen werden kaum betroffen sein.

Steffen Klatt: Ist es wegen der Finanzkrise schwieriger, ausländische Unternehmen für Masdar zu interessieren?

Sheika Lubna Al Qassimi: Gerade erst vergangene Woche habe ich mich mit Vertretern grosser internationaler Unternehmen getroffen, die in den Vereinigten Arabischen Emiraten tätig sind. Die Stimmung war positiv. Diese Unternehmen sind überzeugt, dass die Golfregion abgefedert ist gegen die Folgen der Finanzkrise. Durch die Finanzkrise sind vor allem Banken, Versicherungen und Hypothekenunternehmen getroffen. Aber wir wollen Technologieunternehmen nach Masdar holen. Das sind Unternehmen, die viel in Forschung und Entwicklung investieren. Auch Risikokapitalisten, die in solche Unternehmen investieren, sind es kaum gewohnt, in andere Bereiche zu investieren, die stärker durch die Finanzkrise getroffen worden sind. Bis jetzt jedenfalls haben wir stets positive Reaktionen auf Masdar erhalten. Im Januar werden viele Vertreter von Regierungen und Unternehmen nach Abu Dhabi zum Weltgipfel für die Energien der Zukunft kommen, der durch Masdar organisiert wird. Auch Bundesrat Leuenberger hat seine Teilnahme zugesagt.

Steffen Klatt: Wird der niedrigere Ölpreis das Interesse an erneuerbaren Energien schwächen?

Sheika Lubna Al Qassimi: Nein, überhaupt nicht. Ob der Ölpreis hoch ist oder niedrig, das hat keinen Einfluss auf Masdar.

Steffen Klatt: Masdar wird also verwirklicht, trotz des schwierigeren Umfelds?

Sheika Lubna Al Qassimi: Absolut. Masdar ist keine blosse Idee mehr. Die Umsetzung hat begonnen.

 

Mehr zu Masdar auch im aktuellen "Geo" 11/08