Die Welt besser verstehen

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Geschrieben von: André Anwar, Stockholm 29.10.08
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Stockholm - Hans Rosling will Statistiken auch für Laien verständlich machen. Dazu hat er das Präsentationsprogramm „Trendalyzer“ entwickelt, das die Datenfülle mehrerer Grafiken in einem bewegten Schaubild bündelt. Ein besseres Verständnis soll die Welt verbessern helfen.André Anwar: Was bringt einen Forscher im  Bereich globaler Gesundheitsentwicklung wie Sie dazu, ein Präsentationsprogramm wie den Trendalyzer zu entwickeln?

Hans Rosling: Als ich in den Neunziger Jahren schwedische Universitätsstudenten in globaler Gesundheitsentwicklung unterrichten sollte, merkte ich, dass die an sich bereits sehr gut ausgebildeten Studenten eine auf falschen Fakten beruhende Auffassung von der Wirklichkeit hatten. Sie redeten immer noch von Entwicklungshilfeländern und Industrieländern, obwohl die Statistik da schon deutlich zeigte, dass diese Grenzen völlig verschwommen sind und eigentlich so nicht mehr gelten. Ich zeigte ihnen die Statistik auf herkömmliche Weise, aber die Präsentation erreichte sie einfach nicht richtig. Viele gingen mit der gleiche Weltsicht wieder aus meiner Vorlesung und ich begann darüber zu grübeln, wie unzureichend die gängigen Präsentationsmöglichkeiten für Statistik waren und noch sind. 

André Anwar:Wie kamen Sie auf die Idee?
Hans Rosling: Ich dachte an meinen Sohn, mit dem ich oft zusammen sass und Computerspiele gespielt habe, und, wie ausgeklügelt diese Spiele oft animiert sind. In der Spielbranche steckt viel Geld und sehr kluge Programmierer und Designer.  Ich dachte mir, schade dass man nicht auch in so trockenen Bereichen wie der Statistik mehr tut, als sich einfach nur mit Exceltabellen und Powerpoint zufrieden zu geben. 

André Anwar:Wie beschreiben Sie Ihr Modell, ohne es zu zeigen? 
Hans Rosling: Eine der Fragen war, wie man viele Dimensionen in einem Schaumodell unterbringen kann, ohne Verwirrung zu stiften und im Gegensatz zum normalen X und Y-Achsenmodell  mehr das intuitives Verständnis des Publikums zu gewinnen. Es musste etwas passieren, eine Bewegung musste rein, damit Statistik interessant wird. 
Ich kam auf die Idee Länder in Blasen darzustellen, auf der – als Beispiel - die Grafikachse X den Wohlstandsindikator BIP pro Kopf der Länder zeigt und auf der Y-Achse die Kindersterblichkeitsrate als Gesundheitsindikator der Länder. 

André Anwar:Ihr Sohn half bei der Entwicklung? 
Hans Rosling: Ja, mein Sohn brach deshalb sein Studium ab. Um kreativ zu sein, braucht es Brüche.  Er schrieb in Mammutsitzungen die Software, welche die Blasen dann bewegbar machten und somit eine weitere Dimension, nämlich die zeitliche Veränderung in Jahren darstellte. Das war sehr wichtig. Die Leute werden richtig interessiert, wenn sich die Dinge bewegen. Das klingt ein wenig einfach, aber es stimmt. Veränderung lässt sich intuitiv durch Bewegung besser darstellen als durch eine X-Achse, welche üblicherweise die Zeitperiode markiert. Zeigt man dem Publikum zeitliche Veränderung statt dessen durch grafisch animierte Veränderung, so dass beispielsweise eine bis fünf Sekunden während der Präsentation einem Jahr entspricht, dann  verstehen die Zuhörer plötzlich viel einfacher die Zusammenhänge und es wird auch spannender, sie zu betrachten.  

André Anwar:Sie sprechen gerne von der Schaffung einer nachhaltigeren Welt, deren Entscheidungen stärker durch Fakten geprägt sind. Kann man mit ein bisschen Animation tatsächlich die Welt verbessern? 
Hans Rosling: Das Problem ist, dass wir die Datenbanken, die wir haben, nicht so effektiv nutzen wie wir könnten. Wenn die Menschheit besseren Zugang zu den Daten hat, die wir so fleissig sammeln, erhöht das letztlich die Qualität und Nachhaltigkeit unserer Entscheidungen, ob nun als einfacher Mensch, Journalist oder Entscheidungsträger. In sofern kann eine stärker auf Faktenerkenntnis basierte Welt, die durch ein Modell wie den Trendalyzer viel zugänglicher wird, vieles verbessern.
Und selbst wenn Entscheidungsträger Missstände aus anderen Gründen nicht beheben wollen oder können, verändern wir die Welt durch effektiveres Wissensmanagement. Denn Entscheidungsträger sind immer  auf irgendeine Weise vom Volk abhängig: Wenn die ganze Gesellschaft durch verständlichere und besser zugänglichere Statistik dazulernt, ist es auch für Entscheidungsträger schwer, nicht danach zu handeln.

André Anwar:Ist es ihnen deshalb so wichtig, dass die Datenbanken der Welt für jedermann frei zugänglich sein sollen?
Hans Rosling: Es geht vor allem um die Effizienz der Datenbanken. Heute sind die oft sehr gewissenhaft erhobenen Statistiken tief in irgendwelchen schwierig auszugrabenden Datenhöhlen versteckt, zu denen es oft keine oder nur schlechte öffentlichen Zugänge in Form von Benutzerschnittstellen gibt. Ein Beispiel: Selbst kenntnisreiche Journalisten haben es ja schwer, aus unterschiedlichen EU-Ländern vergleichbare Prozentanteile der Nichtraucher herauszubekommen, um den Effekt von Verboten zu studieren. Deshalb fehlen dann die Daten im Artikel und später in der öffentlichen Diskussion die sich auch darauf stützt. Die Datenerhebungen der nationalen  Statistikämter, der UNO und auch die Daten, welche die Weltbank jährlich von den Statistikämtern bekommt und verarbeitet, sind letztlich grossteils von unseren Steuergeldern finanziert. Warum sollten die Daten dann nicht kostenfrei zugänglich sein?

André Anwar:Gibt es für sie noch etwas zu tun, seit ihr Trendalyzer von Google verbreitet wird? 
Hans Rosling: Wir haben mit der Verbreitung durch Google einiges erreicht. Aber ausserdem wollen wir die Schnittstelle erweitern, also den Engpass, den weltweite Statistik passieren muss, um letztlich mit ein paar einfachen Mausklicks in den Trendalyzer zu gelangen. Da ist viel Feldarbeit nötig. Wir orientieren uns an Wikipedia. Es braucht eine Basisbewegung. Einzelne, die programmieren und dabei helfen die gesamte Statistik letztlich auch weltweit kompatibel zu machen, so dass ich tatsächlich mit Trendalyzer so ziemlich jedes Gesellschaftsphänomen  schnell und wissenschaftlich korrekt beschreiben kann. 

André Anwar:Wenn Sie die Welt mit dem Trendalyzer betrachten, was fällt ihnen dann auf, was auf herkömmliche Weise noch nicht richtig wahrgenommen wurde?
Hans Rosling: Asien wird in Zukunft wieder die erste Weltmacht sein. Unsere westliche Sicht ist zu unbeweglich. Es ist ein ähnlicher Blick, wie der, den das britische Königreich auf die USA hatte, als es noch eine ihrer Kolonien war. Heute ist Grossbritannien der kleine Bruder. Asien war immer schon der führende Erdteil, bis auf die letzen tausend Jahre.  Dort arbeitet man sehr hart daran, wieder an die Spitze zu kommen, während wir im Westen ein bisschen bequem geworden sind und vor allem konsumieren. Wegen unserer eingeschränkten Sicht auf die tatsächliche Realität, die uns die Statistik eigentlich schon jetzt zeigt, glauben wir trotzdem nicht richtig an ein solches Szenario. Sicher gibt es einige Entscheidungsträger wie die Chefs globaler Unternehmen, die das Aufstreben Asiens schon längst verstanden haben und wirtschaftlich danach handeln, aber in der Breite der Gesellschaft ist die Entwicklung Asiens zur neuen Weltmacht noch immer nicht richtig angekommen, auch wenn sie diskutiert wird. Mit Trendalyzer wird deutlich, wie schnell viele asiatische Länder aufgeholt haben. Die haben Entwicklungen innerhalb von 15 Jahren durchgemacht, für die europäische Länder 100 Jahre oder mehr gebraucht haben.

Hans Rosling aus Wikipedia
Hans Rosling ist 1948 in Uppsala, Schweden geboren. Er ist Professor für Internationale Gesundheit am Institutionen för Folkhälsovetenskap des Karolinska Institutet und Direktor der Gapminder-Stiftung in Stockholm, Schweden. 

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