Ökostädte wie Masdar in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Dongtan in China können europäischen Städten nur bedingt als Vorbild dienen, sagt Professor Willy A. Schmid, Direktor des Instituts für Raum- und Landschaftsentwicklung an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Europäische Städte sollten sich auf ihre eigenen Stärken besinnen: ein starkes Zentrum, geringe Distanzen und Grünflächen.Steffen Klatt: Welchen Sinn haben Ökostädte auf der grünen Wiese?
Willy A. Schmid: Es klingt besser, wenn es „öko“ heisst. Aber ich kann damit wenig anfangen. Menschen müssen leben, und das geht nicht ohne Eingriffe in die Natur.
Steffen Klatt: Was macht aus einer normalen Stadt eine Ökostadt?
Willy A. Schmid: Das habe ich mich auch gefragt. Eine Stadt ist mehr als nur ein Energieverbraucher. Eine Stadt ist vor allem auch ein Ort kultureller Begegnung. Es ist nicht sinnvoll, neben gewachsene Städte Ökostädte auf die grüne Wiese zu stellen.
Steffen Klatt: Lässt sich von Ökostädten etwas lernen?
Willy A. Schmid: Als Experimente mit klar definierten Systemgrenzen mögen Ökostädte berechtigt sein. Das entspricht einem Modellversuch bei klar definierten Systemgrenzen. Aber die Crux der Stadtplanung ist es, dass sie nicht wirklich Experimente machen kann. Indirekt oder direkt muss sich die Stadtentwicklung immer auf Ressourcen abstützen. Ist die Stadtplanung einmal umgesetzt, dann kann man die Ergebnisse nicht mehr streichen.
Steffen Klatt: Lange Zeit stand das ökologische Haus im Vordergrund. Jetzt sind Häuser, die wenig oder gar keine Energie verbrauchen oder sogar Energie produzieren, technologisch kein Problem mehr. Rückt deshalb jetzt die ökologische Stadtplanung in den Vordergrund?
Willy A. Schmid: Das läuft teilweise nacheinander, teilweise auch parallel. In bestehenden Städten ist die Erneuerung der Bausubstanz entscheidend. Da hat sich inzwischen gezeigt, dass das technologisch auch wirklich möglich ist. Wenn man sieht, was machbar ist; dann sieht es gut aus für eine ökologisch orientierte Stadtplanung. Ökostädte können helfen, Erkenntnisse für die Stadtplanung selbst zu gewinnen.
Steffen Klatt: Die Schweizer Städte und viele Städte in Europa sind zu einer Zeit gebaut worden, in der es noch keine Autos gab, anders als viele Städte in Amerika und Asien. Erweist sich das jetzt als Vorteil?
Willy A. Schmid: Europäische Städte haben den Vorteil, dass sie auf Freiflächen zurückgreifen konnten, die zuvor von Wallanlagen und andern militärischen Anlagen in Anspruch genommen wurden. Das kann nun in vielen Städten immer noch als Grünfläche genutzt werden. In den USA ist das anders. Aber auch dort ist man jetzt auf dem Weg, den Städten ein Gesicht zu geben.
Steffen Klatt: Sind europäische Städte auch dichter bebaut, weil sie aus der Zeit vor dem Auto stammen?
Willy A. Schmid: Die Erreichbarkeiten sind in einer strukturierten Stadt relativ hoch, massgebend ist dadurch das Verkehrsgeschehen. Dabei ist immer wieder neu die Frage des öffentlichen Verkehrs in Bezug zur Besiedlung zu nennen.
Steffen Klatt: Wie können bestehende Städte nachhaltiger gestaltet werden?
Willy A. Schmid: Man muss über die Sanierung der Häuser hinausgehen. Dabei geht es auch nicht nur um den Energieverbrauch, sondern auch um die Verteilung der städtischen Funktionen insgesamt. Wo sind welche Nutzungen zu konzentrieren. Der Bund setzt für die Schweiz auf Netzwerke. Das ist jetzt modern und hat seinen Charme. Aber es braucht auch entsprechende Zentren.
Steffen Klatt: In welche Richtung muss sich die Stadtplanung in der Schweiz entwickeln?
Willy A. Schmid: Man muss Stadt und der offenen Landschaft sehr sorgfältig umgehen. Wir haben da in der Schweiz ein Problem. Der ländliche Raum wurde früher nur von der Landwirtschaft her „geplant“. Das kann in Zukunft nicht mehr so gehandhabt werden zu viele Funktionen hat dieser Raum zu erfüllen. Ich sehe aber für die Schweiz insgesamt eine gute Zukunft, gerade auch wegen der in der Regel kurzen Distanzen.
Zur Person:
Willy A. Schmid hat bis zu seiner Emeritierung im September das Institut für Raum- und Landschaftsentwicklung an der ETH Zürich geleitet.
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