Mit Grafik die Welt verbessern

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Geschrieben von: André Anwar, Stockholm 27.10.08
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Stockholm - Hans Rosling hat ein Präsentationsprogramm entwickelt, das die Datenfülle mehrerer Grafiken in einem bewegten Schaubild bündelt und auch Laien verständlich macht. Jetzt denkt er an eine Welt-Datenbank.

Statistik muss nicht nur aus Zahlenkolonnen, Balken, Tortensegmenten oder Kurven bestehen, die ihre Fakten im Grunde nur geschulten Fachleuten zugänglich machen. Der schwedische Professor Hans Rosling will mit einem völlig neuen Ansatz Statistikdatenbanken frei zugänglich machen und international verknüpfen. Über die von ihm entwickelte Präsentationssoftware Trendalyzer von der Gapminder Stiftung könnte die Welt durch verständlicheres Faktenwissen eine bessere werden, meint Rosling. Die Betonung liegt auf verständlich.


Blindflug durch die Datenfülle
Das Instrument dazu ist sein Gapminder-Modell und die Präsentationssoftware Trendalyzer. Die Visualisierungssoftware ist im März 2007 von der weltweit führenden Internet-Suchmaschine Google übernommen worden. Bei Google heißt es dazu: „Der Trendalyzer ist eine auf Flash basierte Oberfläche die, mit genügend Daten gefüttert, so ziemlich jede Zahlenkolonne und noch so große Tabelle übersichtlich, ansprechend, bunt aber dennoch aussagekräftig darstellen kann. Google zeigt dies an einigen Beispielen, z.B. der Weltbevölkerung. Diese kann entweder mit bunten Kreisen, die Farbe zeigt das Land und die Größe das Bevölkerungswachstum, oder auf der Weltkarte dargestellt werden.“
Trendalyzer könne weit mehr Dimensionen als herkömmliche Programme gleichzeitig und intuitiv verständlich für das Publik machen erklärt Rosling, Professor für globale Gesundheitsentwicklung am Karolinska Institut in Stockholm. „Die Welt sitzt auf guter Statistik, aber wir benutzen sie nicht richtig. Das ist wie Autofahren, ohne vorher die Frontscheibe geputzt zu haben“, sagt er. „Die Welt muss verstehen, dass es nach Powerpoint und Excel einfach noch weitergeht. Wir sind nicht am Ende der Entwicklung von Präsentationstechniken“, sagt er. Tatsächlich hat die Welt den schwedischen Forscher inzwischen verstanden. Spätestens seit Google im vergangen Jahr den Trendalyzer übernahm: „Als Google unsere Idee auf die Seite nahm, bekam ich eine E-mail von Bill Gates persönlich“, erzählt der Professor in seinem sehr bescheidenen schwedischen Büro.
Den ersten Denkanstoß bekam er in den späten neunziger Jahren. Als er einem Universitätskurs den Zusammenhang von globaler Gesundheit und Entwicklung näher bringen sollte, merkte er, dass die Studenten eigentlich eine eher auf „Mythen“ als auf Fakten basierende Weltsicht hatten, geprägt von den statischen zweidimensionalen Modellen, bei denen die X-Achse meist die Zeit angibt und die Y-Achse einen bestimmten Sachverhalt. „Meine eigentlich gut vorgebildeten Studenten hatten keine faktenbasierte Weltsicht“; sagt Rosling. Als Beispiel nimmt er die klassische, aber falsche Einteilung in Industrie- und Entwicklungsländer.
Das Problem der Studenten sei gewesen, dass ihnen bis dahin niemand vier oder fünf Dimensionen des Problems gleichzeitig und intuitiv verständlich präsentiert hatte. Denn die Entwicklung zwischen Armen und Reichen bestehe eben nicht nur aus zwei Dimensionen, wie dem durchschnittlichen Prokopfeinkommen in einem Land zu bestimmten Zeiten. Das Problem habe viel mehr Dimensionen. Rosling: „Diese Komplexität wollte ich mit einer Grafik ausdrücken können. Dann zeigt sich nämlich, dass die Grenzen zwischen dem was früher als Industrie- und Entwicklungsländer bezeichnet wurde, inzwischen bis zur Unkenntlichkeit verschwommen sind.

Ohne Fakten altes Weltbild
„Viele haben ihr Weltbild aus den 50er Jahren und verstehen einfach nicht, wie sehr sich die Welt in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Das schlechte Wissen über statistische Fakten ist dafür mit ausschlaggebend“, sagt Rosling und nennt ein Beispiel: „Vietnam heute hat die gleiche Durchschnittsfamiliengröße und Lebenserwartung wie sie die USA 1975 hatten. Die positive Entwicklung, die das Land seit dem Vietnamkrieg gemacht hat, ist enorm schnell gewesen. Die USA haben zu einem früheren Zeitpunkt viel länger gebraucht, um die gleiche Entwicklungsstufe zu erreichen. Vietnam und andere Länder passen also nicht mehr in das Schema Entwicklungshilfeland. Es ist ein Mythos. Und es gibt viele andere solche Mythen.“
Seine Grafik ist ein Film. Wie bei einer ganz normalen Grafik ist die querlaufende Achse die Zeit und die senkrechte ein bestimmter Sachverhalt. Doch Roslings Gapminding-Film integriert dann viele weitere Dimensionen in das gleiche Schaubild: mit jeder tickenden Sekunde verändert sich das Jahr, für das die Werte angezeigt werden. Zeit in Jahren ist also intuitiv die Zeit in Sekunden während der Präsentation. Blasen in unterschiedlichen Farben geben unterschiedliche Länder wieder, deren Größe die Größe der jeweiligen Bevölkerung, deren Farbe die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Erdteil. Die kunterbunten Bläschen bewegen sich im Beispiel nach rechts oben für verbesserte Gesundheit und mehr Wohlstand. Sie bewegen sich besonders schnell, wenn die Verbesserung in nur wenigen Jahren erfolgte. Genauso bewegen sie sich in die andere Richtung, wenn die Kindersterblichkeit zunimmt oder der Wohlstand abnimmt. „Wie in einem Computerspiel, in dem mehrere Akteure spielen“ sagt Rosling.
Und damit nicht genug. „Oft sind Durchschnittswerte gar nicht so aussagekräftig, “ erklärt er. Deshalb lassen sich seine Blasen auch aufgliedern in kleinere Bläschen und Pünktchen. So lassen sich Länderdurchschnittswerte, beispielsweise des BIP in Altersgruppen, Geschlecht und andere Werte aufgliedern. Und alles in einer einzigen animierten Grafik.

Ziel ist eine Welt-Datenbank
Mit Gapminder und dem daraus entwickelten Programm Trendalyzer will Rosling neben der verbesserten Art der Präsentation auch die Versorgung durch weltweite Datenbanken vereinfachen. Ähnlich wie die Weltdatenbank Wikipedia, setzt er dabei auf Freiwilligkeit. Abertausende von Datenbanken und private Nutzer sollen demnach weltweit daran arbeiten, Eingang in das Gapminding Konzept zu finden.
Es gehe darum, dass in Zukunft nicht nur Statistikexperten und deren Chefs in Regierungen Daten einigermaßen verstehen, sondern eben auch Menschen ohne statistisches Expertenwissen. „So lange unser Gapminder besser aussieht als der Nasdaq Börsen Browser, werden wir überleben“ witzelt Rosling.
Er will einen weltweit frei zugänglichen non-profit Browser schaffen, eine Art Statistik-Wikipedia, in der alle wichtigen Statistiken der Welt mit einer einfachen Benutzeroberfläche abrufbar sind. Das sei seine Vision von einer „Welt die auf Fakten basiert“ und so nachhaltiges Handeln und gute Entscheidungen ermöglicht, erklärt Rosling. Er vergleicht seine Vision mit dem „Human Genome Project“, in das Forscher weltweit täglich genetische Informationen eingeben.
Von André Anwar, Stockholm


Mehr Informationen:
Video zur Präsentation von Trendalyzer:

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