Dicht und gemischt

Drucken
E-Mail
Geschrieben von: Steffen Klatt, St. Gallen 21.10.08
Bookmark and Share


Die nachhaltige Stadt ist dicht bebaut, Leben und Arbeit finden in den gleichen Stadtteilen Platz. Europa habe dabei einen Startvorteil, sagt Stefan Behling, Senior Partner bei Foster and Partners in London.

Steffen Klatt: Warum spielt Nachhaltigkeit für Foster and Partners bereits derart lange eine wichtige Rolle, lange bevor es Mode geworden ist ?

Stefan Behling: Architektur beschäftigt sich immer mit Sachen, die lange Bestand haben müssen. Deshalb steckt Nachhaltigkeit bereits im Ursprung von Architektur und Stadtplanung. Je länger man sich damit beschäftigt, wird klar, dass bestimmte Stadt- und Gebäudeformen langfristig keine Zukunft haben.

Klatt: Was heisst Nachhaltigkeit für Sie als Architekten?

Behling: Man darf als Architekt mit seinem heutigen Tun zukünftigen Generationen nicht irgendetwas in den Weg stellen, zerstören oder verbrauchen, was zukünftige Generationen brauchen. Von daher können eigentlich erst die zukünftigen Generationen beurteilen, ob das, was wir heute machen, nachhaltig ist.

Klatt: Wie können Sie dann heute nachhaltige Architektur schaffen?

Behling: Man muss versuchen vorherzusagen, was in Zukunft die grossen Themen sein werden die die Welt bewegen; Energie, Wasser, Armut... ? Heute gehört zu den grossen Themen die Urbanität. Wir gestalten nicht für eine Welt voller Bauern, sondern für eine Welt voller Städter. Dazu kommt das energetische Problem: Das Öl und damit die günstige Energie wird bald nicht mehr in der Weise da sein, wie wir es bisher gekannt haben. Hinzu kommen auch die Umweltfolgen der extrem schnellen Verschwendung von Öl, Kohle und ähnlichem in den vergangenen Jahrzehnten. Energie und Wasser werden die Megathemen der Zukunft sein.

Klatt: Foster and Partners gestalten auch Masdar, die Ökostadt bei Abu Dhabi. Welche Bedeutung kann diese Stadt haben?

Behling: Masdar ist im Augenblick die Spitze der Forschung. Es ist das am weitesten fortgeschrittene Projekt in Bezug auf nachhaltige Stadtentwicklung.

Klatt: Kann man eine nachhaltige Stadt in die Wüste am Persischen Golf setzen?

Behling: Es ist sicherlich leichter, eine nachhaltige Stadt in einer anderen Klimazonen zu planen. Wenn es aber darum geht, wie an diesem Ort gelebt und gearbeitet wird, dann ist Masdar die richtige Lösung.

Klatt:Warum?

Behling: Weil wir versucht haben, dem lokalen Klima und der lokalen Kultur gerecht zu werden, aber gleichzeitig den grossen Themen wie Energie- und Wasserversorgung und Nahrungsmittelversorgung gerecht zu werden.

Klatt: Wie sinnvoll ist es, grüne Städte auf die grüne Wiese zu setzen?

Behling: Wenn der Bedarf an zusätzlichem Wohnraum zunimmt, dann muss man diesem Bedarf gerecht werden. Wir Architekten kontrollieren nie den Bedarf. Wir können nur sagen: Wenn Ihr baut, dann macht es dichter und mit einer grösseren Mischnutzung.

Klatt: Ist dichter gleich besser?

Behling: Dichter ist im Städtebau, solange eine Nutzungsmischung möglich ist, auf jeden Fall besser.

Klatt: Warum?

Behling: Wenn ich kein Bauer bin und mich nicht um meine eigene Versorgung kümmern kann, sondern ein städtisches Leben und einen städtischen Beruf habe – ich arbeite in einem Büro oder in einer Fabrik – dann muss ich dafür einen Lebensraum haben. Wir Architekten müssen Lebensräume schaffen, in denen die Menschen zusammen leben und arbeiten können. Diesen Lebensraum muss ich als Architekt in einer Art und Weise schaffen, die möglichst lebenswert ist und möglichst wenig Energie verbraucht.

Klatt: Gehen wir damit zurück zur europäischen Stadt, wie sie im Mittelalter existiert hat, verhältnismässig klein und kompakt?

Behling: Städte haben sich über Tausende von Jahren entwickelt. Erst der Einfluss des Automobils hat Verwirrung geschaffen. Die Faszination eines jeden, er könnte in seinem eigenen kleinen „Palast“ draussen auf dem Land leben und dann mit dem Auto in die Stadt reinfahren, hat die alte Stadt aufgebrochen. Das ist ein weltweites Phänomen. Die Regierungen haben diesen Traum vom kleinen Palast auf dem Land mit dem eigenen Vorgarten und dem Auto in der Vorfahrt gefördert. Sowohl das Naziregime in Deutschland als auch die amerikanische Regierung haben versprochen, nach dem zweiten Weltkrieg gäbe es schöne Einfamilienhäuser für jeden. Dieser Traum ist nicht nachhaltig. Alle Leute sitzen ständig im Auto: um zur Arbeit zu fahren, um die Kinder in die Schule zu bringen, um einzukaufen etc

Klatt: Ist der Traum zum Albtraum geworden?

Behling: Absolut

Klatt: Können wir überhaupt zurück zur alten Stadt des Mittelalters, in der alle alles zu Fuss erreichen konnten?

Behling: Diejenigen Regionen, die noch eine Stadt haben, sind da im Vorteil. Das gilt für Europa. In Genf muss sich wenig ändern, in London auch nicht. Eine gute alte europäische Stadt funktioniert und hat über Jahrhunderte funktioniert. Einige der Ränder der europäischen Städte müssen – vornehm ausgedrückt – rückgebaut werden oder absterben. Diese Fettränder, die in die Unendlichkeit wuchern, sind nicht nachhaltig.
Wenn ich keine Sehnsucht hätte nach Leben auf der Strasse, könnte ich noch behaupten, dass die amerikanische Stadt funktionieren könnte – billige Energie vorausgesetzt. Wenn es das Superauto gäbe, dann ginge das. Aber am Ende stellt sich die Frage, was die Stadt der Zukunft ist. Das ist sicher nicht eine Stadt, in der alle in ihren Eigenheimen sitzen.

Klatt: Sie haben Genf und London als Vorbild genannt. Gibt es in solchen Städten, vom Rückbau der Ränder abgesehen, noch Handlungsbedarf in Sachen Nachhaltigkeit?

Behling: Man kann versuchen, diese Städte nachzuverdichten. Man muss versuchen, die richtige Mischung zu schaffen. Wenn es zwar eine dicht gebaute Gegend ist, die aber nur Wohnungen hat, dann würde ich dort Büros schaffen, in denen man arbeiten kann. Wenn es eine Gegend mit Businesspark gibt, dann würde ich dort Wohneinheiten bauen und selbstverständlich müssen alle Bauten hocheffizient sein und den Grossteil ihrer Energie aus erneuerbaren Quellen beziehen.

Klatt: Architekten bauen heute meist einzelne Gebäude. Kann man damit eine Stadt reparieren, um den Albtraum zu beenden?

Behling: Das ist die Aufgabe der Zukunft, ja.

Klatt: Ist das bereits denen bewusst, die entscheiden?

Behling: Für Architekten und Spezialisten ist das bereits klar. Ich vergleiche das immer mit dem Bewusstsein für den Klimawandel. Heute weiss jedes Schulkind, dass dieser Klimawandel von Menschen gemacht wurde. Vor fünf Jahren war das vor allem den Experten bewusst. Und so wird der Zusammenhang zwischen Verdichtung und Energieverbrauch in relativ kurzer Zeit jedem bewusst werden.

Klatt: Können Sie als Architekt mit der Art, wie Sie Gebäude bauen, Leute dazu erziehen, nachhaltig zu leben?

Behling: Ich bin skeptisch, ob man Menschen erziehen kann. Aber kann gemeinsam mit dem Bauherrn versuchen, Leute vorsichtig an Themen heranzuführen.

Klatt: Selbst das nachhaltigste Gebäude kann nur nachhaltig sein, wenn es auf nachhaltige Weise genutzt wird...

Behling: Das ist ein ganz grosses Thema. Heute gibt es oft eine grosse Wissenskluft zwischen dem, der das Haus baut und dem, der es führt. Gebäude sind mittlerweile so hoch entwickelt, dass sie eher vergleichbar sind mit einem Flugzeug. Auch ein Flugzeug kann man nicht einfach bauen und dann dem Piloten übergeben. Wir haben gemerkt, dass die nötigen Informationen an den Verwalter des Gebäudes ganz langsam übergeben werden müssen, damit sie verstanden werden. Es gibt viele Beispiele in der Welt, dass absolute Supergebäude falsch genutzt werden, weil die Benutzer keine Ahnung haben.

Klatt: Ist Nachhaltigkeit in der Architektur ein grosser Werbegag oder eine echte Entwicklung?

Behling: Das Thema Nachhaltigkeit wird nie mehr verschwinden. Davor kann sich niemand verstecken.

Interview: Steffen Klatt, Genf


Zur Person:

Stefan Behling, geboren 1962 in Madison, Wisconsin, ist Senior Partner bei Foster and Partners. Der Architekt ist Spezialist für Ökologie, Energieeinsparung und Nachhaltigkeit. Er hat an Projekten wie dem Umbau des Reichstags in Berlin, des Commerzbankgebäudes in Frankfurt und dem Hauptquartier von McLaren in Surrey mitgearbeitet. Seit 1995 lehrt er an der Universität Stuttgart, an der er das Institut für Baukonstruktion leitet.

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

 

Cleantech.ch

cleantech_ch

SCA_LOGO_RGB_marginal
mit swisscleantech ins neue Energiezeitalter

Meistgelesene Artikel

    Abonnieren Sie noch heute Ihren persönlichen Newsletter.
    Noch grössere Aktualität erhalten Sie mit unserem RSS-Feed.

    Kalender

    Der Veranstaltungskalender wird vorbereitet.

    {Zum Kalender}

    Magazin Cleantech Switzerland

    Magazin Cleantech Switzerland 2011-1

    Gründungssponsoren