Agrarkrise ist noch nicht vorbei

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Geschrieben von: André Anwar, Stockholm 13.10.08
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Zur dauerhaften Ernährungssicherheit braucht es Investitionen in Bio- und Gentechnik. Zumindest die Getreidepreise werden auch in Zukunft hoch bleiben. Die Regierungen dürfen deshalb den Markt für Lebensmittel nicht sich selbst überlassen, sagt Joachim von Braun, Leiter des einflussreichen International Food Policy Research Institute (IFPR) in Washington.

André Anwar: Die Preise für Agrargüter sinken wieder. Ist die Krise schon vorbei?

Von Braun: Nein, und die Agrarkrise ist nicht nur eine Preiskrise. Demonstrationen und Proteste auf den Strassen in über 60 Ländern waren das Symptom der Preiskrise im ersten Halbjahr 2008. Der Hunger hat zugenommen - mit irreversiblen Konsequenzen für die Gesundheit von Millionen von Menschen. Es wäre verfehlt, zur Tagesordnung überzugehen, wenn die Preise nun etwas niedriger sind.

Als Folge der Finanzkrise sinken die globale Wirtschaftsleistung und die Nachfrage. Dies bringt eine momentane Entlastung für die Nahrungsmittelpreise. Die Finanzkrise macht es allerdings schwerer, langfristiges Investitionskapital für die notwendigen Agrarinvestitionen und die ländliche Infrastruktur in den Entwicklungsländern zu mobilisieren. Die Wirtschaftspolitik darf die Armen bei der Krisenbewältigung nicht vernachlässigen.

André Anwar: Werden die Preise wieder auf das niedrige Niveau fallen, das bis Mitte des Jahrzehnts üblich war?

Von Braun: Wohl kaum. Die etwas reduzierten Preise resultieren aus dem jetzt schwächeren Wirtschaftswachstum, das die Nachfrage abschwächt. Der langfristige Trend für Nahrungsmittelpreise geht nach oben, weil die Grundbedingungen, die zu steigenden Preisen führen, bestehen bleiben. Hierzu zählen vor allem immer noch, wenn auch abgeschwächt, steigende Bevölkerungszahlen in den Entwicklungsländern, sich verändernde Konsumgewohnheiten breiter Bevölkerungsschichten in den Entwicklungsländern - vor allem China und Indien - , der Einsatz von Nahrungsmittelpflanzen für die Gewinnung von Biokraftstoffen, die Verknappung des Produktionsfaktors Wasser, der Ölpreis mit den damit verbundenen höheren Energiekosten bei der Beschaffung, Produktion und Vermarktung von landwirtschaftlichen Gütern. Auch der Verlust landwirtschaftlicher Anbauflächen durch Industrialisierung und Verstädterung trägt in einigen Ländern dazu bei, das Angebot zu verknappen. Aus all diesen Gründen zeigt der Trend für die Preise landwirtschaftlicher Güter nach oben; dies bestätigen auch die Modellrechnungen meines Instituts.

André Anwar: Welche Agrargüter bleiben teuer?

Von Braun: Vor allem Grundnahrungsmittel, die auf Getreide basieren. Das ist eine schlechte Nachricht für die Armen der Welt, die einen hohen Anteil ihrer kärglichen Einkommen für Grundnahrungsmittel ausgeben, oft etwa 50 Prozent ihres Einkommens.

André Anwar: Kann der Markt solche Krisen allein bewältigen?

Von Braun: Nein, aber ohne den Markt geht es erst recht nicht. Für Lebensmittel gibt es eine ethische Verpflichtung, die unsichtbare Hand des Marktes zeitlich begrenzt zu führen. Im Gegensatz zu vielen anderen Gütern können die Menschen den Konsum nicht aufschieben. Diese Konsequenz legitimiert Interventionen, wenn Angebot und Nachfrage dramatisch aus dem Ruder laufen.

Wir brauchen koordinierte Getreidereserven, zum einen für funktionierende Nothilfe und „virtuelle“ Reserven zur Stabilisierung der internationalen Preise. Zugleich muss zur Überwindung der Krise der Handel offener werden, aber das Gegenteil war 2007 und 2008 der Fall. Die Industrieländer sollten ihre verbleibenden handelsverzerrenden Subventionen weiter abbauen. Industrie- und Entwicklungsländer sollten ihre Zölle und Schutzmassnahmen abbauen, so dass Landwirte ihre Produkte international anbieten können. Ein freierer Handel mit Nahrungsmitteln würde die Preisschwankungen abbauen und die Anreize der Landwirte erhöhen, mehr Nahrungs- oder Futtermittel anzubauen.

André Anwar: Sind die in Europa vielgescholtenen Biotreibstoffe mit Schuld an der Krise gewesen? Sind sie im Rest der Welt auch so unpopulär geworden?

Von Braun: Die Industrieländer haben es versäumt, ihre Subventionen für Agrartreibstoffe zu kürzen, die die importabhängigen Entwicklungsländer belasten. Die Nutzung von Getreide für Agrartreibstoffe war nach unseren Analysen für etwa 30 Prozent des Anstiegs der Getreidepreise verantwortlich. Die Industrieländer hätten die Preiskrise zum Anlass nehmen sollen, kurzfristig die Produktion von Agrartreibstoffen auf dem gegenwärtigen Niveau einzufrieren, bis die Preise wieder auf ein vernünftiges Niveau heruntergekommen sind. Indien, China und Südafrika haben ihre Biosprit-Pläne angemessen zurückgestuft.

André Anwar: Die Menschheit nutzt nur etwa die Hälfte der möglichen landwirtschaftlichen Nutzfläche. Sollte sie die Flächen ausweiten?

Von Braun: Ja, aber die Flächenreserven werden überschätzt, denn das darf nicht auf Kosten der Natur und des Klimaschutzes gehen. Produktivitätssteigerung auf den schon genutzten Flächen muss Priorität haben. Zudem kostet es viel, die nicht genutzten Flächen jetzt in die Agrarproduktion einzubeziehen.

André Anwar: Muss anders als bisher produziert werden?

Von Braun: Die Produktivität in der Landwirtschaft der Entwicklungsländer muss mehr gefördert werden, nicht nur pro Fläche sondern auch bezüglich des Wasserverbrauchs. Dazu ist auch vermehrt die Bio- und Gentechnik erforderlich. Die Investitionen für Forschung und Entwicklung, die dies zum Ziel haben, müssen von den zurzeit etwa fünf Milliarden US-Dollar pro Jahr auf rund zehn Milliarden Dollar (7,4 Milliarden Euro) erhöht werden. Das würde mittelfristig ca. 300 Millionen Menschen nachhaltig aus Hunger und Armut helfen.

André Anwar: Wird die Menschheit in Zukunft genug zu essen haben?

Von Braun: Auch in der Zukunft können genügend Nahrungsmittel für die wachsende Weltbevölkerung nachhaltig produziert werden, wenn Industrie- und Entwicklungsländer erheblich in die Landwirtschaft investieren. Arme Bauern müssen besseren Zugang zu qualitativ hochwertigem Saatgut, Dünger und anderen Produktionsmitteln bekommen; auch müssen sie über gute landwirtschaftliche Praktiken informiert werden. Marktzugang und die Infrastrukturen müssen in den Entwicklungsländern verbessert werden, so dass die Landwirte Gewinne erwirtschaften können und die Nahrungsmittel dort angeboten werden, wo sie benötigt werden. All das ist machbar, aber nicht wenn weiter wie bisher nur an den Krisensymptomen kuriert wird.

Interview: André Anwar, Stockholm

Zur Person:

Prof. Dr. Joachim von Braun ist seit 2002 Generaldirektor des International Food Policy Research Institute ( IFPRI) in Washington. Das Institut eine der führenden Forschungseinrichtungen im Bereich der Welternährungspolitik. Von Braun studierte studierte Agrarwissenschaften an der Universität Bonn von 1970 bis 1975. Er ist Autor von Studien zur Ernährungssicherung und zur Ökonomik von Hungernöten, zur Agrarhandelspolitik, zu ländlichen Finanzsystemen und zur Umweltpolitik.

 

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