Die Zukunft im Test

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Geschrieben von: Sibylle Oetliker, Jerusalem 13.10.08
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Tel Aviv - Dafna Berezovski Agassi kommt ins Schwärmen, wenn sie von ihrer Fahrt im Prototypen des Elektro-Autos, das Renault hergestellt hat, erzählt. „Einfach grossartig“, sei das Gefühl, erzählt die Israelin. „Der Wagen fährt unglaublich leise und schnell. Es funktioniert alles wie in einem herkömmlichen Wagen und doch ist alles so anders“, sagt sie. Wohl gehört es zu den Aufgaben der Marketing-Verantwortlichen von „better place“ in Israel, das Auto in den besten Tönen anzupreisen, doch Berezovskis Begeisterung wirkt echt.


Autofahrer zahlen pro Kilometer

Israel wird zum ersten grossen Testmarkt für den Elektrowagen der Zukunft. Möglich gemacht hat das Experiment der erfolgreiche amerikanisch-israelische Geschäftsmann Shai Agassi. Einst Top-Kader-Mitglied des deutschen Software-Giganten SAP, gründete Agassi später in Kalifornien seine eigene Firma, das Risikokapitalunternehmen „better place“, welches den Elektrowagen fördert. Dabei setzt er auf weitgehend bekannte Technologien.

Mit zwei neuen Ideen aber will Agassi den alten Traum vom sauberen Auto realisieren: Die Elektroautos werden erstens mit austauschbaren Batterien betrieben. Agassi baut zweitens eine Infrastruktur auf, die sowohl das Laden wie das Wechseln der Batterien einfach und schnell ermöglicht. Wie auf dem Markt für Mobiltelefone sollen Auto und Dienstleistung zusammen angeboten werden. Der Kunde wird seinAuto relativ günstig bekommen und dafür entsprechend den verfahrenen Kilometern zur Kasse gebeten.


Peres holte Renault ins Boot

Agassi fand in Wirtschaft und Politik einflussreiche Unterstützer für seine Idee. 200 Millionen Dollar hat er bei privaten Investoren aufgetrieben. Die Hälfte davon stellte allein Israel Corporation, die grösste Holding im Land, zur Verfügung. Auch Israels Präsident Shimon Peres gehört zu den überzeugten Förderen des Elektroautos. Er erreichte, dass die israelische Regierung grosszügige Steuererleichterungen und andere Anreize für Elektroautos zugesagt hat. Soviel Stolz verbindet Peres mit dem Projekt, dass er seinen französischen Kollegen Nicolas Sarkozy zu einer Testfahrt eingeladen hat, als dieser im Juni Israel besuchte.

Peres war es auch, der am Rande des WEF in Davos im Januar 2007 den Kontakt zwischen Shai Agassi und dem Autohersteller Renault ermöglichte. Dieser stellt nun in Zusammenarbeit mit Nissan erstmals serienmässig Elektroautos für „better place“ her. Es handelt sich um Mittelklasswagen, deren Äusseres sich nicht von konventionellen Autos abhebt. Einzig sichtbarer Unterschied: Die Wagen haben keinen Auspuff. Wo üblicherweise Benzin eingefüllt wird, ist ein Stecker eingebaut, mit dem – vorzugsweise nachts - die Batterie aufgeladen werden kann. Die Wagen fahren mit einer Leistung, die der eines mit Benzin betriebenen Autos mit einem 1,6 Liter-Motor vergleichbar ist.


Unabhängig von arabischem Öl

„Unser Ziel ist es, die Unabhängigkeit vom Öl zu fördern“, sagt Berezovksi, die Schwester Shai Agassis. Das ist eine ökonomische, politische und ökologische Forderung zugleich. Dass die Ölpreise in den letzten Monaten derart anstiegen, konnten die Macher von „better place“ nicht ahnen. Der Anstieg dürfte aber den Verkauf der Elektrowagen erleichtern. Denn die Firma stellt in Aussicht, dass seine Betriebskosten deutlich günstiger sein werden als für konventionelle Wagen. Die Abkehr vom Benzin-Motor soll auch das Geschäft der arabischen Öl-Exporteure vermiesen. Als Präsident Peres anlässlich seiner Medienkonferenz zum 60-jährigen Jubiläum der Staatsgründung von Israel im Mai dieses Jahres für das Elektroauto warb, stellte er sinngemäss fest, es sei nicht im Interesse Israels, die Staatskassen seiner Feinde zu füllen. „Es ist unmöglich, jeden Terroristen mit einer F-16 zu bekämpfen. Nun haben wir eine bessere Waffe: Wir trocknen die Ölquellen aus“, erklärt Jonathan Adiri, ein Mitarbeiter von Peres, auf Anfrage. Der Übergang zum Elektro-Auto sei auch ein Beitrag zum Weltfrieden.


Strom aus fossilen Brennstoffen

Allerdings hat diese Argumentation einen Haken: Israel nämlich produziert den weitaus grössten Teil seines Stroms bis heute aus fossilen Ressourcen. Will heissen, statt der Auto-Tanks füllen Öl- und Gas-Lieferanten die Tanks der israelischen Elektrizitätswerke. Laut einem Bericht der Weltbank aus dem Jahr 2006 werden mehr als 95 Prozent des israelischen Stroms aus Kohle sowie Erdöl und Erdgas gewonnen. Bis zum Jahr 2020 aber möchte Israel zehn Prozent seiner Energie aus erneuerbaren Quellen gewinnen. 40 Prozent sollen dann aus Gas gewonnen werden und die restlichen 50 Prozent aus Kohle.

Schon heute aber sei der Elektrowagen auch ökologisch interessant, betont Berezovski: „Erstens wird die Umwelt durch die Herstellung von Strom weniger belastet als durch das Verbrennen von Benzin oder Diesel in Auto-Motoren, und zweitens ist es für die Bevölkerung besser, wenn die Luftverschmutzung konzentriert in einer Industriezone entsteht, wo keine Menschen leben, statt überall dort, wo Autos fahren, insbesondere in den dicht bewohnten Städten“.


Idealer Markt

Israel ist ein geradezu idealer Testmarkt für die neuen Wagen – nicht nur wegen der politischen Unterstützung für das Projekt.Autofahrer legen hier im Durchschnitt weniger als 70 Kilometer pro Tag zurück. Eine Strecke, die sich ohne weiteres mit Elektrofahrzeugen bewältigen lässt. Derzeit reicht eine Batterie für etwa 170 Kilometer. Kommt dazu: Das Land ist klein (etwa halb so gross wie die Schweiz) und wohlhabend. Der Verkehr konzentriert sich auf den dicht bewohnten Grossraum von Tel Aviv und zwei, drei andere Städten. Aufgrund der politischen Situation ist der Markt geschlossen: Autofahrten ins Ausland sind praktisch nicht möglich.

Schon in ein paar Monaten sollen in Israel rund ein dutzend Elektrowagen auf den Strassen zu sehen sein und Werbung machen. Serienmässig verkauft wird das Auto voraussichtlich ab 2011. Ab dann sollen – so die Pläne von „better place“ – jährlich etwa 20'000 Elektrowagen verkauft werden – rund zehn Prozent aller in Israel verkauften Neuwagen. Bis dahin sollen zehntausende von Batteriewechsel-Stellen und Auflade-Vorrichtungen flächendeckend im ganzen Land bestehen.


Lösung entspricht dem Zeitgeist

Einzig die Direktorin der israelischen Nicht-Regierungsorganisation „Transport Today and Tomorrow“ mag nicht in die allgemeine Euphorie einstimmen. „Mit dem Elektroauto wird einseitig der private Verkehr gefördert“, kritisiert Geschäftsführerin Tamar Keinan. Israel brauche stattdessen Investitionen in den öffentlichen Verkehr, findet sie.

Berezovski will das nicht gelten lassen. Die Konsumenten hätten sich heute an ihr Auto gewöhnt und wollten auf die individuelle Mobilität nicht mehr verzichten, hält Berezovski dem entgegen. „Die Leute davon abbringen zu wollen, ist eine Illusion“, sagt sie. Stattdessen bietet „better place“ eine Lösung an, die dem Zeitgeist entspricht. Und die Firma kann damit werben, das Elektrofahrzeug ermögliche es, „unsere Liebesbeziehung mit unserem Auto weiterzuleben“. Was will man mehr?

Von Sybille Oetliker, Tel Aviv

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Bilder: Die Präsidenten Israels und Frankreichs, Shimon Peres und Nicolas Sarkozy, bei der Vorstellung des Stromrenaults. Moshe Milner/Project Better Place

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