
Angesichts leer gefischter Meere und wachsenden Bedarfs an Speisefisch klingt der Gedanke so verrückt wie bestechend. Warum nicht eine Meeresfischzucht im Binnenland aufbauen? In Völklingen steht diese Idee kurz vor der Verwirklichung. „Weihnachten 2010 soll der erste Fisch auf dem Teller sein”, sagt Jochen Dahm, Geschäftsführer der Stadtwerke Völklingen Holding GmbH, einer 100-prozentigen Tochter der Stadt. Auf der Suche nach potenziellen Abnehmern für ihre Produkte Gas, Wasser und Strom geht der Versorger seit geraumer Zeit ungewöhnliche Wege - wie den der Fischzucht. Der Spatenstich für die „Geschlossene Marikultur-Kreislaufanlage” ist für Mitte November 2008 geplant. Einmal fertig gestellt soll sie jährlich 500 Tonnen Stör und „Loup de Mer” (Wolfsbarsch) hervorbringen. Glückliche Fische aus sauberem Wasser70 Meter lang und 15 Meter breit sollen die fünf Becken sein, in denen in Zukunft „glückliche Fische” heranwachsen. Glücklich, weil sie in einem geschlossenen Wasserkreislauf frei von Verschmutzungen leben. Die Technik dafür kommt aus Bergisch Gladbach von der International Fish Farming Technology (IFFT). Sie umfasst von der Klimatechnik über die Wasseraufbereitung bis zu seewasserresistentem Beton die komplette Anlage. „Wir bauen in Völklingen ein schlüsselfertiges künstliches Ökosystem”, sagt Friedrich Esser, Geschäftsführer der IFFT, „deshalb kommen die Tiere auch ohne Medikamente aus”. Biofisch kommt also künftig von einem ehemaligen Bergbaugelände. Selbstversorger mit Bio-EnergieGebaut wird auf dem stillgelegten Terrain der Kokerei Völklingen-Fürstenhausen. Das Konzept ist durchdacht und pflegt den Gedanken der Nachhaltigkeit. Parallel soll eine Biogasanlage entstehen, die nicht nur die jährlichen 60.000 Tonnen saarländischen Biomüll in Energie verwandeln soll, die das Meerwasser auf Temperatur hält. Der anfallende Schlamm der Fischbecken wird als „Biomüll” darin entsorgt und als Energie wieder ins Netz eingespeist. So nutzen sich beide Anlagen gegenseitig und den Stadtwerken erst recht. „Wir profitieren von der Vermarktung des Fisches, liefern das Wasser und speisen Energie zu, wenn die Biogasanlage nicht reicht”, sagt Dahm. „Das Salz wird zugesetzt.” Wohin die jährliche „Produktionsmenge” von 500 Tonnen Fisch gehen soll, ist noch ungeklärt. Das wird auch der Preis entscheiden und die gehobene Gastronomie rückt dabei in den Blick. „Luxemburg ist nicht weit, Frankreich, Belgien und die Schweiz ebenfalls nicht”, sagt Dahm, „Die Lage hier im Herzen Europas war ebenfalls ein Grund, die Idee umzusetzen.” Ein wenig verrückt sei sie schon, diese Idee vom Biofisch aus der Industrieruine, denn Fischzucht gehöre nun nicht gerade zum Kerngeschäft von Stadtwerkegeschäftsführern. Stadtwerke sind MehrheitseignerDie Kosten für die Anlage belaufen sich auf 12 Millionen Euro. Davon trägt die für diesen Zweck gegründete Meeresfischzucht Völklingen GmbH (MFV) 40 Prozent. Der Rest kommt über Kredite saarländischer Banken. Anteilseigner an der Gesellschaft sind zu 89,9 Prozent die Stadtwerke Völklingen Holding GmbH und zu 10,1 Prozent die International Fish Farming Technology. Es ist die erste Anlage, die die Firma in Zusammenarbeit mit einem kommunalen Versorger baut. Die wissenschaftliche Beratung übernimmt die Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes, an der die Stadtwerke zum Wintersemester 2008/2009 eine Professur gestiftet haben. Von Wiebke Trapp, Völklingen
|