In einer alten Kokerei im saarländischen Völklingen soll frischer Meeresfisch biologisch und umweltschonend hergestellt werden. Eine zweite Anlage könnte in der Schweiz gebaut werden, sagt der Biologe Bert Wecker vom Mitbetreiber International Fish Farming Technology (IFFT). Warum baut die IFFT die Bio-Meeresfischzucht gerade in Völklingen? Bert Wecker: Technologisch gibt es für unser Projekt praktisch keine Einschränkungen. Die Stadt Völklingen wollte ein Ausrufungszeichen der Innovation setzen, das im ehemaligen Kohlerevier Saarland ein Signal nach außen setzt. Uns hat sehr positiv beeinflusst, dass in der Nachbarschaft der still gelegten Kokerei, wo wir unser Projekt verwirklichen, eine Biogasanlage errichtet wird. Dort sollen die Bioabfälle des Saarlandes durch Trockenfermentierung verarbeitet werden. Sie bietet in zweifacher Hinsicht Synergien mit unserem Vorhaben: Man kann sowohl die Fischabfälle zum Beispiel aus der Schlachtung als auch die Reststoffe aus dem Wasserrecycling – Fischkot und Bakterien – in den Gärprozess einfügen. Wir liefern einen Rohstoff und bekommen im Gegenzug Abwärme. Das Ganze hört sich an wie ein perpetuum mobile? Wecker: Das ist es nicht. Aber für unsere Fischzucht brauchen wir außer Energie auch Wasser, Land und Futter. Die Ressource Wasser wird durch die Wiederaufbereitung sehr effizient genutzt. Die Ressource Land wird schonend verwendet, weil wir auf 10.000 Quadratmetern bebauter Fläche rund 500 Jahrestonnen Fisch produzieren werden. Beim Aufwand für Futter gibt es physiologische Grenzen. So setzt ein Fisch den Nährstoff Protein nur zu 20 bis 35 Prozent in eigene Biomasse um. Da kann man noch ansetzen. Unsere Technologie bietet erstmalig die Möglichkeit, die überzähligen Nährstoffe konzentriert wieder aus dem Kreislauf herauszuziehen. Die Verwertung in einer Biogasanlage durch bakterielle Umwandlung in Methangas und dessen Verstromung ist ein erster Ansatz. Noch wirtschaftlicher wäre die Nutzung dieser Nährstoffe zur Produktion neuer Biomasse. Wir testen deshalb zum Beispiel, den Kot der Fische als Futter für Würmer zu nutzen, die wieder als Fischfutter dienen oder anderweitig vermarktet werden können. Wie innovativ ist ihre Kreislaufanlage? Wecker: Es geht hier um eine geschlossene Kreislaufanlage. So darf man eine Technik nennen, in der zehn Prozent des Systemvolumens pro Tag ausgetauscht werden. Bei uns beträgt die Wassererneuerung gerade einmal ein Prozent. Wir sind meines Wissens gegenwärtig weltweit die einzige Firma, die sich den Bau einer Kreislaufanlage zur Zucht von Meeresfischen im Binnenland zutraut. Andere Hersteller sind auf Küstennähe angewiesen, weil sie wegen ihrer höheren Wasseraustauschrate aus wirtschaftlichen Gründen natürliches Meerwasser brauchen. Welche Fischarten sind für ihre Anlage geeignet? Wecker: Praktisch alle Meeresfische. Wir haben hohe Wasserklarheit durch eine doppelte Nährstoffseparation. Es gibt momentan keine Technologie, die das ganze Spektrum der unterschiedlichen Partikelgrößen auf einmal erfassen kann. Erst das Konzept der zweistufigen Feststoffseparation ermöglicht eine Wasserklarheit, die für die Produktion von Meeresfischen essentiell ist. Da wir derzeit noch auf keine eigene Brutanstalt zurückgreifen können, müssen wie den Fisch als Setzling auf dem Weltmarkt einkaufen – aus wirtschaftlichen Gründen ganzjährig. Wir fangen deshalb mit Doraden, Wolfsbarsch und russischem Stör an. Ist die Haltung von Meeresfischen in Becken artgerecht? Wecker: Wir haben ein neuartiges Konzept mit Becken von 30 Metern Länge und ungefähr zwölf Metern Breite. Sie können in Abschnitte unterteilt werden, in denen die Fische nach Größe untergebracht werden. Die Betonoberfläche der Becken muss sehr glatt sein, um unkontrollierbaren Bakterien keinen Lebensraum zu bieten. Aber Salzwasserfische neigen nicht zum Gründeln. Sie wollen schnell schwimmen – und dies häufig in Schwärmen. Dafür sind unsere großen Becken von Vorteil. Wir fördern die Schwarmbildung noch durch Wasserströmungen und Sauerstoffgradienten. Kommen Sie völlig ohne Chemie aus? Wecker: Feststoffe werden – wie gesagt – aufwendig aus dem Wasser herausgefiltert. Die gelösten Nährstoffe, die die Fische wieder abgeben, werden biologisch abgebaut. Den Keimdruck in der Anlage halten wir durch die Oxydation mit Ozon niedrig. Antibiotika könnten wir gar nicht einsetzen, weil wir damit die gesamte Mikrobiologie für unsere Wasseraufbereitung zerstören würden. Wie und wo wird der Fisch vermarktet? Wecker: Das Saarland liegt sehr günstig, wenn man Deutschland, die Schweiz, Frankreich und die Benelux-Länder erreichen möchte. Wir können Frische anbieten, die selbst Seefisch nicht bietet. Der Fang bleibt oft zwei Wochen auf den Schiffen, dazu kommt dann der Transport von den Seehäfen her. Wir können den Fisch binnen 48 Stunden zum Kunden bringen. Zudem haben wir kontrollierte Qualität, in der alle Umweltbedingungen wie Temperatur oder Wasserbeschaffenheit genau zurückverfolgt werden können. Seefisch kann zum Beispiel mit giftigen Mikroalgen belastet sein. Das ist bei uns ausgeschlossen. Wann werden Sie den ersten Fisch verkaufen? Wecker: Wir hoffen, dass der erste Spatenstich im Oktober gesetzt wird. Die Bauzeit beträgt ein Jahr. Wir können also im Herbst 2009 mit der Produktion anfangen, sodass wir im Herbst 2010 den ersten Fisch verkaufen werden. Wie hoch ist die Investitionssumme? Wecker: 15 Millionen Euro. Ist denn die Völklinger Anlage ein Modell auch für weitere Projekte – möglicherweise in anderen Regionen mit veralteten Industrien wie dem Montansektor? Wecker: Wir sind der Überzeugung, dass unsere Technologie der richtige Weg in die Zukunft der Aquakultur ist. Wegen der Kohlendioxid-Diskussion und den hohen Rohölpreisen wird die Produktion vor Ort wieder einen höheren Stellenwert bekommen. Zudem geht es heute nicht mehr nur um naturbelassene, sondern vor allem auch um kontrollierte Produktion. Der Handel ist extrem interessiert, standardisierte Produkte zu bekommen, die zudem das ganze Jahr zur Verfügung stehen. Das kann ich in offenen Systemen, in denen ich vom Wetter und anderen Umwelteinflüssen abhängig bin, nicht leisten. Bleibt der Preis. Allerdings steigen die Auflagen für die Netzkäfigkulturen an den Küsten so rasant, dass deren Produktionskosten nur knapp unter denen geschlossener Anlagen liegen. Wir haben übrigens auch schon Interesse von Schweizer Investoren registriert. Aber da ist noch nichts spruchreif. Die Schweiz ist ja ein Markt, wo die regionale Produktion mit dem Label „Made in Swiss“ hoch im Kurs steht. Interview: Ulrich Glauber, Frankfurt Zur Person: Bert Wecker beschäftigt sich seit seiner Promotion zum Thema "Nährstofffluss in einer geschlossenen Kreislaufanlage mit integrierter Prozesswasserklärung über Algenfilter“ mit der Zucht von maritimen Organismen und Meeresfischen. Der 33jährige betreut das Völklinger Projekt für den Ausrüster International Fish Farming Technology (IFFT) wissenschaftlich. |