Der Klimawandel ist bereits in der Natur sichtbar. Immergrüne Pflanzen dringen in die Höhe und in den Norden vor. Exoten kommen aus ihren Refugien in den Gärten heraus. Ein Interview mit Matthias Dobbertin von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft in Birmensdorf.Kann man Klimawandel in unserer Umgebung sehen?
Dobbertin: Wenn man genau hinschaut, sieht man die Veränderungen, besonders in der Vegetation. Pflanzen, die durch den Winterfrost in ihrer Ausbreitung behindert werden, reagieren auf die Abnahme der Winterfröste. Welche Pflanzen sind das? Dobbertin: Das betrifft vor allem immergrüne Blattpflanzen, wie lorbeerartige Pflanzen, Stechpalmen und die Mistel. Sie gehen immer weiter in die Höhe und in den Norden. Misteln findet man etwa im Wallis schon auf einer Höhe von 1500 Metern. Ganz generell gibt es eine anderung der Pflanzen in die Höhe. Manche Exoten wurden früher in den Gärten angepflanzt, breiteten sich aber nicht aus. Jetzt trifft man sie auch ausserhalb der Gärten an. Sind solche Veränderungen auch nördlich der Alpen zu sehen? Dobbertin: Bei Alpenpflanzen ja. In den Städten mit ihrem generell wärmeren Klima ist die Entwicklung noch weiter. Dort verjüngen sich Pflanzen, die anderswo nicht zu finden sind. So breiten sich in Zürich Paulownia-Bäume aus, die eigentlich frostempfindlich sind. Ist also der Klimawandel in den Städten noch stärker zu beobachten als auf dem Land? Dobbertin: Die Städte nehmen die Zukunft voraus. Betreffen die Folgen des Klimawandels erst einzelne Pflanzen oder ganze Ökosysteme? Dobbertin: Im Tessin werden diese Pflanzen bereits ökologisch relevant. Die immergrünen Pflanzen nehmen den andern Pflanzen Licht weg. Für Menschen ist es schwer, diese Veränderungen zu bemerken, weil wir uns an sie gewöhnen. Aber wenn etwa die Blütezeiten der Pflanzen über lange Zeiten hinweg verglichen werden, dann werden diese Veränderungen sichtbar. Etwa an der Kastanie vor dem Genfer Rathaus, deren Blütezeit seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts notiert wird? Dobbertin: Das ist ein gutes Beispiel. Diese Kastanie blüht seit einigen Jahrzehnten immer früher. Ein Extremfall war das Jahr 2003. Damals blühte die Kastanie bereits im Dezember 2002. Ähnliche Beobachtungen gibt es zu den Kirschblüten in der Nordwestschweiz. Seit den 80er Jahren blühen sie immer früher. Die Lärchen im Engadin entwickelten im April 2007 ihre Nadeln bereits drei Wochen früher als in den 70er Jahren. Lässt sich auch nördlich der Alpen schon eine Änderung ganzer Ökosysteme beobachten? Dobbertin: Das ist schwer zu sagen, weil dies auch abhängig vom Waldbau ist. Bei bestimmten Tierarten gibt es aber durchaus schon Veränderungen. So nimmt am Bodensee die Zahl der Vogelarten zu. Südliche Vogelarten sind zahlreicher vertreten, nördliche Vogelarten immer weniger. Schafft der Klimawandel auch Chancen für neue Pflanzen?
Dobbertin: Frühjahrsblüter blühen früher. Gerade sie sind besonders temperaturabhängig. Im Herbst ist der Einfluss des Klimas weniger stark. Da zählt vor allem das Licht. Der Wald hinkt zudem den Veränderungen hinterher. Ein Baum muss sich erst versamen können, bevor ein neuer Wald entsteht. Das Sterben dagegen geht schneller. Dabei werden die Arten meist nicht durch die maximalen Temperaturen begrenzt, sondern durch das minimale Wasserangebot. Im Wallis wird zum Beispiel seit den 90er Jahren ein Absterben der Föhren festgestellt, der Waldkiefern. Warum sterben sie ab? Dobbertin:Sie leiden unter Wassermangel. Es hat zwar schon immer trockene Jahre im Wallis gegeben. ber jetzt fallen sie mit den heissen Jahren zusammen. Das heisst, die Föhren verdunsten auch mehr Feuchtigkeit. Kiefer kann Trockenheit nur dann ertragen, wenn es nicht zu heiss wird. Stirbt Altes also schneller ab als Neues entsteht? Dobbertin:Das ist so. Im Wallis breitet sich zwar die Flaumeiche aus, deren Hauptverbreitungsgebiet das nördliche Mittelmeer ist. Sie vermehrt sich gut unter Kiefern. Aber in extremen Jahren kann auch die Flaumeiche schlecht mit der Trockenheit und der Hitze umgehen. Wenn auch die Flaumeiche zugrunde geht, dann gibt es keine andere Baumart, die an ihre Stelle treten kann. Dann würde der Wald in Steppe übergehen. Man könnte geeignete Bäume künstlich einführen. Aber die Natur ist eigentlich zu komplex, um alle Konsequenzen dazu abzuschätzen. Vollzieht sich der Klimawandel also zu schnell für die Natur?
Dobbertin: In solchen Gebieten wie dem Wallis mit einem beschränkten Wasserangebot geht der Wandel zu schnell, ja. Das Trockenjahr 2003 war auch für uns eine Überraschung. Die Sommermonate waren damals 5 Grad wärmer als sonst. Zum Glück kann sich die Natur gut an solche Einzelereignisse anpassen. Was passiert, wenn mehrere solche Einzelereignisse hintereinander kommen? Dobbertin:Der Anteil der Fichte in der Schweiz hat sich zum Beispiel nach dem Sturmjahr 1999 und dem Trockenjahr 2003 durch Windwurf und Absterben verringert. Wenn sich die extremen Einzelereignisse wiederholen, dann werden wir einen rascheren Wandel in der Natur erleben. Dann könnten auch die Förster an hre Grenzen kommen. Interview: Steffen Klatt, St. Gallen Zur Person: Matthias Dobbertin ist provisorischer Leiter der Forschungseinheit Wald-Ökosystemprozesse der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL). Der Deutsche aus Niedersachsen arbeit seit 1994 am WSL. Zuvor forschte und lehrte er an der Universität von Kalifornien in Berkeley. Auch während seiner Zeit am WSL kehrte er für ein Jahr nach Berkeley zurück. Ausserdem forschte er während eines Monats an der Universität Kyushu im japanischen Fukuoka.
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