Raus aufs Meer

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Geschrieben von: Steffen Klatt, St. Gallen 26.09.08
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Die Windkraft ist die erste erneuerbare Energie, die wettbewerbsfähig geworden ist. Das steckt an: Die USA und China holen in der installierten Kapazität auf den Vorreiter Europa auf. Die Zukunft der grossen Windparks könnte freilich auf dem Meer liegen. Dort gibt es genug Wind und naturgemäss wenig Widerstand der Anwohner.Soviel wie zwei Kernkraftwerke

Kriegers Flak ist ein rauer Ort. Hier, genau in der Mitte zwischen der Nordspitze der Insel Rügen und dem südschwedischen Trelleborg, weht der Wind mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 35 Kilometern in der Stunde. Selbst Vögel meiden diese Gegend der Ostsee. Beides macht Kriegers Flak zu einem geeigneten Standort für einen Windpark. Der schwedische Energieriese Vattenfall will denn auch hier einen der bislang grössten Windparks der Welt errichten. Zwischen 2010 und 2016 sollen laut Göran Dandanell, Chef Projektmanagement bei Vattenfall, 128 Turbinen mit 650 Megawatt Leistung errichtet werden. Das entspricht der Leistung der beiden Reaktorblöcke des Kernkraftwerks Beznau. Doch diese 650 Megawatt betreffen nur die Teile von Kriegers Flak, die in der schwedischen und der deutschen Wirtschaftszone der Ostsee liegen. Der grössere Teil liegt in dänischen Gewässern. Insgesamt könnten Turbinen mit einer Leistung von 2000 Megawatt errichtet werden.

Doch auch so stösst Kriegers Flak in eine neue Dimension vor. Der grösste Windpark Vattenfalls, nach der dänischen Dong der grösste Produzent von Windkraft auf offener See, hat heute eine Leistung von 160 Megawatt. Kriegers Flak macht aber auch die Schwierigkeiten deutlich, mit denen die Windmüller auf offener See heute zu kämpfen haben. Zum einen sind die nötigen Turbinen mit einer Leistung von 5 bis 7 Megawatt heute laut Dandanell noch nicht erprobt. Zum andern haben die Türme eine Höhe von bis zu 170 Metern und müssen in einer Wassertiefe von bis zu 45 Metern verankert werden. Für den Transport solcher Türme zum Standort brauche es neuartige Schiffe, so Dandanell. Diese Schwierigkeiten machen Windkraft vom Meer noch sehr teuer. Nur Grossbritannien mit seiner hohen Förderung von ungefähr 140 Euro pro Megawattstunde erlaube eine gewinnbringende Nutzung, sagt Dandanell. Deutschland mit seinen 85 Euro liege nur wenig, Schweden mit bis zu 45 Euro deutlich unter der Gewinnschwelle von 100 Euro.

Dandanell ist dennoch optimistisch. „Die Produktion von Windkraft ist auf lange Sicht ein vielversprechender Weg.“ Die Ausbeute sei hier dank grösserer und stabilerer Windkraft höher als auf dem Land, ausserdem könnten grosse Windparks angelegt werden.

Stromautobahnen quer übers Meer

So sieht das auch Mark Ennis, Strategiechef des irischen Windparkbetreiber Airtricity. Ein Drittel des europäischen Strombedarfs könnte von Windparks gedeckt werden, die in den windreichsten Meeren vor der europäischen Küste angelegt sind: von der Biskaya über die Irische See, die Nordsee zur Ostsee. Airtricity plant, Windparks auf See durch Stromleitungen zu verbinden. Dabei arbeite das Unternehmen mit der schweizerisch-schwedischen ABB zusammen, sagt Ennis.

Während das offene Meer für die Windmüller noch viele Risiken birgt, ist die Windenergie auf dem Land erwachsen geworden. Hier ist die Kilowattstunde mit 5 bis 7 Eurocent inzwischen wettbewerbsfähig. Entsprechend erlebt die Windkraft derzeit ein stabiles Wachstum: Seit 2000 beträgt es gemäss dem „Weltwindenergierat“, dem Global Wind Energy Council, gemessen an der installierten Kapazität durchschnittlich 28 Prozent. Das Wachstum wird durch Milliardeninvestitionen angetrieben. Allein 2007 floss die Rekordsumme von 51 Milliarden Dollar in die Windenergie. Das ist mehr als ein Drittel aller Investitionen in erneuerbaren Energien insgesamt. Die Sonnenkraft dagegen zog „nur“ 28 Milliarden Dollar an. In die Windenergie wurde auch mehr investiert als in die Kernkraft oder die Wasserkraft.

Noch immer ist Deutschland mit 21000 Megawatt (2006) das Land mit der grössten installierten Kapazität. 2006 folgte noch Spanien mit 12000 Megawatt knapp vor den USA. Dänemark war 2006 nach Indien und vor China mit 3000 Megawatt die Nummer fünf. Inzwischen holen die Nichteuropäer auf: Die USA haben gemäss dem Weltwindenergierat im vergangenen Jahr Spanien überholt, und China hat Dänemark vom fünften Platz verdrängt. Erstmals wurde im vergangenen Jahr mehr Windkapazität ausserhalb Europas installiert als auf dem Heimatkontinent dieser erneuerbaren Energie. Nummer eins bei der neuen Kapazität waren im vergangenen Jahr die USA, gefolgt von Spanien und China. Allein China hat 2007 seine Kapazität mehr als verdoppelt. In den nächsten zehn Jahren will das Reich der Mitte 40000 Megawatt installieren – so viel, wie Deutschland, die USA und Spanien 2006 zusammen aufwiesen. Zu den Gewinnern zählt übrigens auch Airtricity: Die irische Firma plant derzeit Anlagen mit einer Kapazität von 7000 Megawatt in China.

Deutschland wird angesichts dieser Dynamik bald seine führende Stellung verlieren. Steve Sawyer, Generalsekretär des Weltwindenergierates, rechnet damit, dass die USA in zwei bis drei Jahren Deutschland als Nummer eins bei der installierten Kapazität überholen würden. China wird folgen.

Hoffnungen übertroffen

Bei aller Euphorie: Gemessen an der gesamten Stromproduktion ist die Windenergie noch ein Zwerg. Kriegers Flak mit seinen im Idealfall 2000 Megawatt hätte nur halb so viel Kapazität wie das Kernkraftwerk Tschernobyl. Die gesamte Kapazität der weltweiten Windkraftanlagen – 2006 waren es 74000 Megawatt - ist immer noch geringer als die Stromkapazität allein Deutschlands. Weltweit betrug der Anteil der Windenergie 2005 erst 0,8 Prozent der Stromproduktion. Doch nach Schätzungen des Weltwindenergierates dürfte sich das bald ändern. Er hatte ursprünglich geschätzt, dass der Anteil bis 2010 auf 2,1 Prozent der Stromproduktion steigen würde – und das war die optimistische Variante. „Inzwischen steigt die Kapazität schneller, als wir erhofft hatten“, sagt Steve Sawyer. Nach dem gleichen optimistischen Szenario könnte der Anteil der Windenergie bis 2020 auf 12 Prozent steigen. Bis 2030 könnte er nochmals auf 20 Prozent wachsen, bei hoher Energieeffizienz sogar auf 29 Prozent.

Die Klimapolitik dürfte der Windenergie einen zusätzlichen Schub verleihen. Erst seit der Einführung des Emissionshandels in der Europäischen Union 2005 hat der Ausstoss des Treibhausgases Kohlendioxid für die Verursacher einen Preis bekommen – und zwar einen moderaten. Je mehr aber klimapolitische Sonntagsreden von der Politik auch in Taten umgesetzt werden, desto höher steigt dieser Preis– und desto wettbewerbsfähiger werden saubere Energien wie die Windkraft. Steve Sawyer vom Weltwindenergierat gibt dafür eine Zahl: Wenn das optimistische Szenario bei der Entwicklung der Windkraft eintritt, könnten allein mit ihr 2020 weltweit 1,5 Milliarden Tonnen Kohlendioxid vermieden werden. Das entspricht immerhin dem doppelten des Ausstosses von Deutschland. „Die Windkraft ist heute der kostengünstigste Weg, Kohlendioxid zu vermeiden“, sagt Sawyer.

Kriegers Flak ist erst der Anfang. Weitere grosse Windparks werden folgen.

Von Steffen Klatt, Abu Dhabi 

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