Palmen im Wald

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Geschrieben von: Claudia Rindt, St. Gallen 26.09.08
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Hanfpalmen stammen ursprünglich aus Nord-Indien, Nord-Thailand und China. Heute breiten sich verwilderte Exemplare der Exoten auch am Alpensüdfuß aus, etwa in den Wäldern des Tessins. Auch nördlich der Alpen gelingt es ihr inzwischen, ungeschützt zu überwintern. In Skandinavien und Deutschland erweitern immergrüne Arten wie die Stechpalme mit den Stachelblättern und knallroten Kugelfrüchten ihr Vorkommen. Und auch die Tierwelt verändert sich: Im Bodensee überleben Krebse, Krabben und Süßwasserquallen, Zugvögel verlagern ihre Überwinterungsgebiete nach Mitteleuropa oder kehren früher aus ihrem Winterquartier zurück. Und die früher nur in Afrika und im Mittelmeerraum vorkommende Blauzungenkrankheit trifft nun auch Wiederkäuer in Deutschland und der Schweiz.

Suche nach Antworten

Noch stochert die Wissenschaft im Nebel, wenn es um die Einordnung solcher Veränderungen geht. Sind sie nur auf kurzfristige Witterungsveränderungen und schon auf den langfristigen Klimawandel zurückzuführen? Spielen andere Faktoren wie der globale Handel eine zentrale Rolle? In den meisten Fällen steht eine eindeutige Antwort aus. „Es ist schwierig definitiv nachzuweisen, dass neu aufgekommene Arten oder die Ausbreitung des Areals von Arten auf klimatische Faktoren und nicht auf klimaunabhängige Verhaltensänderungen zurückzuführen sind“, stellt Meinrad Küttel vom Schweizer Bundesamt für Umwelt fest. Möglicherweise spielte auch die Weiterentwicklung von Tier- und Pflanzenarten eine Rolle. Solche Veränderungen fallen unter das Schlagwort: Evolution. Die Erforschung der Phänomene steht noch am Anfang. Wissenschaftler dokumentieren heute vor allem Bewegungen wie etwa den Vorstoß der Hanfpalme: „Bislang handelt es sich eher um eine Erweiterung des Baumartenspektrums denn um eine Verdrängung von Baumarten“, stellt Gian-Reto Walther fest, Pflanzenökologe an der Universität Bayreuth. Welche Folgen für das Ökosystem zu erwarten sind, kann der Experte noch nicht sagen. „Hierzu besteht noch erheblicher Forschungsbedarf.“

Dramatische Konsequenzen

Für einzelne Arten können schon kleine Verschiebungen große Konsequenzen haben, das zeigt sich beispielsweise am Zugvogel Trauerschnäpper. Er konnte mit der rasanten Wärmeentwicklung der vergangenen Jahre bisher nicht mithalten. Zwar kehrte auch der Trauerschnäpper wie viele andere Zugvögel früher aus seinem Winterquartier zurück. Nach dem Brüten erlebt er dennoch eine böse Überraschung. Die meisten Raupen, die seinen Nachwuchs ernähren sollten, hatten sich schon verpuppt. Durch den frühen Austrieb bei Bäumen hatte ihre Entwicklung deutlich früher eingesetzt. Ob es der Trauerschnäpper schafft, sich auf die neuen Verhältnisse einzustellen, ist noch offen. Dennoch sagt Felix Liechti, Biologe an der Schweizerischen Vogelwarte Sempach: „Durch den Klimawandel seien noch keine großen Veränderungen in der Vogelwelt festzustellen.“ Der dramatische Rückgang des Singvogelbestands habe andere Gründe, etwa den Siedlungsdruck. Unter Zugvögeln seien derzeit vor allem wärmebedingte Verschiebungen der An- und Abflugzeiten und der Überwinterungsquartieren festzustellen: „Die Menge der Vögel, die da bleibt, nimmt zu.“ Für hochspezialisierte Arten wie das kälteliebende Alpenschneehuhn aber werde der Lebensraum immer kleiner. Biotope in den Alpen gelten als besonders klimasensibel. Der Bund Naturschutz in Bayern zieht daraus erste Konsequenzen: „Um zu verhindern, dass die biologische Vielfalt zu sehr einbricht, muss der Naturschutz zusammen mit Agrar- und Forstwirtschaft die Rolle des Umzugshelfers übernehmen. Mit konservativem Naturschutz auf kleinster Fläche ist das nicht zu erreichen. Je spezifischer, kleiner und isolierter Schutzmaßnahmen sind, um so wahrscheinlicher geraten die umhegten Raritäten ins klimatische Aus“, heißt es in einer Mitteilung.

Gewinner des Wandels

Insekten dagegen werden schon jetzt als die Gewinner des Klimawandels ausgerufen. Als Überträger neuer tropischer Krankheiten könnten sie eine Schlüsselrolle einnehmen. Doch Panikschlagzeilen wie in einer deutschen Boulevard-Zeitung „Die Killer-Keime kommen zu uns“ sind nach Auffassung von Spezialisten bisher ohne wissenschaftliche Grundlage. Den Forschern fehlten schlicht zuverlässige und aktuelle Daten, um Zusammenhänge zwischen Klima und Krankheit herstellen können, heißt es in einer Studie des Instituts für medizinische Parasitologie der Universität Bonn. „Man kann daher vorläufig nur von Trends sprechen“, heisst es in der Studie. Und die erscheinen momentan weniger spektakulär als angenommen. Die Malariagefahr schätzt das Berliner Robert-Koch-Institut beispielsweise als sehr niedrig ein. „Die Qualität des Gesundheitssystems ist entscheidend bei der Frage, ob sich die Krankheit festsetzt“, sagt Sprecherin Susanne Glasmacher. Um eine Infektionskette in Gang zu setzen, seien neben Malariaerregern auch eine Menge an Menschen notwendig, die über längere Zeit infiziert sind. Doch anders als etwa in Afrika können Betroffene hierzulande bei den ersten Symptomen zum Arzt gehen. Auch für das in seltenen Fällen tödlich verlaufende West-Nil-Virus bestehe in Deutschland kein Infektionsrisiko, stellt das Robert-Koch-Institut nach einer umfangreichen Studie in Zusammenarbeit mit anderen Instituten fest. „Angesichts des Klimawandels brauchen wir mehr solcher Studien, viele Fragen kann die Wissenschaft noch nicht beantworten“, so auch das Fazit der Berliner Forscher. Auch für den Sprung der Blauzungenkrankheit von Afrika und dem Mittelmeerraum nach Westeuropa ist die Suche nach den Ursachen noch nicht abschließend beantwortet. Eine der Hypothesen lautet, sie sei auf den Klimawandel zurückzuführen, sagt Cathy Maret vom Schweizer Bundesamt für Veterinärwesen. Die Zeichen in Europa stehen auf Epidemie.

Von Claudia Rindt, St. Gallen

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