Das Auto wird neu erfunden

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Geschrieben von: Ulrich Glauber, Frankfurt 25.09.08
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Der hohe Ölpreis macht es möglich: Nachdem die Automobilkonzerne lange gezögert haben, wollen etablierte Konzerne ebenso wie Neueinsteiger ausgereifte und bezahlbare Elektroautos auf den Markt bringen.

Die Zukunft lässt sich am Vierwaldstätter See bestaunen. Mit voller Kraft arbeitet ein Entwicklungsteam in St. Niklausen am Elektroflitzer Mindset (Geisteshaltung). „Der erste fahrbare Prototyp soll im November 2008 rollen“, sagt Pressesprecherin Cornelia Wyss auf Anfrage. Der ehemalige Volkswagen-Chefdesigner Murat Günak (51) hat den Schweizer Luxus-Sportwagen entworfen, der in unter sieben Sekunden von 0 auf 100 Stundenkilometer beschleunigt. Die Reichweite beträgt laut Mindset AG bei rein elektrischem Betrieb 100 Kilometer. Ein Benzin-Motor, der mit wenigen Handgriffen ein- oder ausgebaut werden kann, kann die Akkus nachladen und die Reichweite so auf 800 Kilometer erhöhen.

Produktionspartner im Ausland

Das Kapital für das Projekt beschafft die Spirt Avert AG des 47jährigen Lorenzo Schmid, der Ende der 90er Jahre für das Elektrovehikel Twike verantwortlich war. Anders als der dreirädrige Twike soll der Mindset jedoch betuchtere Käufer durch die Kraft von 95 PS und durch seine Eleganz bestechen. Mit dem Essener Beratungsunternehmen Conenergy, das über gute Kontakte zur deutschen Energiewirtschaft verfügt, wurde jüngst ein strategischer Investor gewonnen. Zudem wurde „ein Produktionspartner aus dem europäischen Ausland gefunden, dessen Know-How bereits jetzt in die Entwicklung einfliesst“, sagt Cornelia Wyss. Die Serienfertigung soll 2010 beginnen und auf 10.000 Stück im Jahr gesteigert werden – zum Preis einer „guten Mittelklasse aus Bayern“.

  

248 Elektro-PS aus den USA

Bereits gebaut wird der Roadster des kalifornischen Jungunternehmens Tesla. 1.100 Sportwagen seien bereits verkauft - davon rund 100 nach Europa, meldet das Unternehmen aus dem Silicon Valley. Gebaut wird bis zur Fertigstellung einer Fabrik in Albuquerque (New Mexico) beim Partner Lotus in Grossbritannien, ausgeliefert wird ab Mai 2009.

Der 248 PS starke Motor des Tesla-Roadster wird mit Akkus betrieben, die den Strom von 6831 Mobiltelefonen aufnehmen können. Das Stromauto soll in vier Sekunden von 0 auf 100 Stundenkilometer beschleunigen und eine Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h erreichen. An der Steckdose soll es in vier Stunden für eine Reichweite von 350 Kilometern aufgeladen werden können. Damit die Akkus weder beim Fahren noch beim Aufladen überhitzen, umströmt ein eigener Kühlkreislauf jedes der elf Pakete im Roadster.

  

Hoher Preis

Allerdings ist mit 92.000 Euro (144.000 Franken) der Preis des Zweisitzers hoch. Teuer sind vor allem die Lithium-Ionen-Akkus. Denen aber nach Auffassung der Fachwelt die Zukunft gehört. „Die eigentliche Schwierigkeit steckt in der Produktion zu vernünftigen Kosten“, bestätigt der zuständige Spartenchef Alex Molinaroli vom US-Batteriespezialisten Johnson Control, der die Energiepacks im französischen Nersac produziert. Molinaroli ist überzeugt: „Mittelfristig wird an Elektroantrieben kein Weg vorbeiführen.“

Die grossen Automobilkonzerne teilen diese Einschätzung inzwischen. Lange hatten die renommierten Hersteller gezögert. Einzig Toyota konnte bereits eine Million Fahrzeuge vom Modell Prius mit Parallel-Hybrid (siehe nebenstehenden Kasten) absetzen. Doch jetzt überschlagen sich die Nachrichten über Neuentwicklungen und geplante Markteinführungen im nächsten Jahrzehnt.

  

Israel bietet Steuererleichterungen

Die neue Technologie hat besonders dann eine Chance, wenn zu den wirtschaftlichen auch politische Motive kommen. Israel fördert mit Steuerleichterungen ein Projekt, in dem sich die Konzerne Nissan und Renault zur Entwicklung eines neuen Elektromobils binnen drei Jahren verpflichtet haben. Laut Untersuchungen fahren 90 Prozent der Einwohner des kleinen Nahost-Landes durchschnittlich nur 70 Kilometer am Tag. Dennoch wird gerade ein Netz von 500.000 Ladestationen errichtet. Neuartig ist an dem Projekt auch, dass die Kunden die Elektroautos nicht kaufen, sondern gegen Gebühr nutzen.

Bei der Ausrüstung konventioneller Modelle favorisieren die grossen Hersteller aus Kostengründen die kleinen Modelle, die als Zweit- und Stadtwagen dienen können. In jüngster Zeit macht vor allem der Smart von sich reden. In London, wo die Fahrt für Elektroautos in die City nicht mautpflichtig ist, werden in einem Pilotprojekt gerade 100 stromgetriebene Smart getestet. Nach dem Willen des britischen Premierministers Gordon Brown sollen alle Neuwagen in Grossbritannien bis 2020 Elektro- oder Hybridautos sein.

  

500 Ladestationen für Berlin

Weil in London ein engmaschiges Netz von Ladestationen fehlt, geht Smart-Produzent Daimler in Berlin gemeinsam mit dem Energiekonzern RWE zur nächsten Stufe über. 100 Elektrosmart sollen demnächst durch die deutsche Hauptstadt düsen. Für Autobesitzer ohne Garage und das Nachladen unterwegs baut RWE 500 Elektrotankstellen auf. Eine Akkufüllung für zwei Euro langt nach Angaben der beiden Unternehmen für 150 Kilometer Fahrt. Im Jahr 2010 soll der Elektrosmart in Serie gehen. „Wir haben das Automobil erfunden, jetzt erfinden wir es neu“, kündigte Daimler-Chef Dieter Zetsche bei der Vorstellung des Berliner Projekts Ende August reisserisch an. Tatsache ist, dass die Stuttgarter Autobauer ab 2009 jedes Jahr ein Mercedes-Modell mit seriellem Hybrid-Antrieb auf den Markt bringen wollen.

  

Zukunft gehört dem Elektroauto

Aber auch die Konkurrenz hat den Wettlauf längst aufgenommen. BMW bastelt in München an einem Elektroantrieb für den Mini. Ende 2011 will General Motors seinen Hybrid Chevy Volt als weitgehend identische Modelle seiner deutschen Tochter Opel und der britischen Marke Vauxhall auf den europäischen Markt bringen. PSA Peugeot-Citroën und Mitsubishi Motors wollen bei Entwicklung und Produktion der technologischen Komponenten für Elektrofahrzeuge kooperieren. Volkswagen hat mit dem japanischen Elektronikkonzern Sanyo Electric eine Allianz für Hochleistungsbatterien geschlossen. Mit Hilfe moderner Lithium-Ionen-Akkus will Europas grösster Autobauer in zwei Jahren erste Hybridautos auf den Markt bringen. Welche Modelle VW umrüstet, ist noch offen. VW-Chef Martin Winterkorn sieht zwar noch erhebliche technische Probleme zu lösen, ist aber überzeugt: "Die Zukunft gehört dem Elektroauto".

Von Ulrich Glauber, Frankfurt

Erste Testfahrt von Mindset 1 am 19. Januar 2008 auf youtube

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